Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- Rachel Mironowna Chin
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 479 - 480 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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479 Josef Melnik: Rachel Mironowna Chin. 480 diesem Sinne hat sie mit grossem Recht einen Band ihrer Novellen „dem unvergesslichen Andenken Turgenew's ehrfurchtsvoll gewidmet*. Die Ritterlichkeit und Ehrfurcht, mit denen sie mit der Geliebten Turgenew's, mit seiner „einzigen Hoffnung" — mit der russischen Sprache umgeht, würden ihm gewiss viel Freude bereitet haben. Die epische Ruhe ihres biegsamen und reichen Stiles, die Reinheit und Vornehmheit ihrer Schreibweise sind grosse Vorzüge ihrer litterarischen Physiognomie. Von feinem litterarischen und sprachlichen Geschmack zeugen auch ihre wenigen, aber ausgezeichneten Uebersetzungen einiger Sachen. Erwähnung verdienen ebenso ihre kürzlich veröffentlichten Erinnerungen an Turgenew, in denen sie Zeugnis von ihrem feinen psychologischen Verständnis dieser frauenhaft-zarten Seele ablegt. JUDEN ALS RHEDER UND SEEFAHRER. Von Dr. Max Grunwald, Hamburg. In der Hamburger „Vermischten Bibliothek", Bandll 1744 S. 847 berichtet Propst Harenberg über eine Unterhaltung, welche er gelegentlich einer Reise mit einem Juden aus Königsberg gepflogen hat, und an die Thatsache, dass dieser Jude die Reise von Königsberg nach Amsterdam lieber zu Lande als zu Wasser zurücklegt, knüpft sich eine Erörterung über die Gründe, „warum die Juden nicht gern zur See reisen". In der That ist noch heut über eine Bethätigung der Juden als Seefahrer oder gar als Rheder im allgemeinen wenig bekannt. Um so mehr fallen einzelne Belege dafür aus verschiedenen Zeiten ins Auge, welche sich gelegentlich wohl noch vermehren lassen. Die Beteiligung der Israeliten an der Seeschiffahrt beschränkte sich in ältester Zeit naturgemäss auf diejenigen Stämme, welche unmittelbar an der Küste wohnten. Inwieweit diese Meeranwohner, wie Sebulon, Dan und Asser, selbständig oder im Anschluss an die Phönizier Handel und Schiffahrt betrieben haben, ist aus den davon handelnden Schriftstellen (I. Mos. 49, 13; V. Mos. 33, 19; Richter 5, 17) nicht klar zu ersehen. Mit Phönizien standen die Israeliten schon frühzeitig durch Küstenschiffahrt in Verbindung (2. Chrcn. 2, 16). Nachdem die idumäischen Häfen Elath und Etsiongeber erobert worden waren, richtete Salomo mit Hilfe der seekundigen Phönizier von dort aus die Handelsfahrten nach Ophir ein (1. Kön. 9, 26 f; 10, 22). König Josaphat von Juda rüstete später in dem letzteren Hafen selbständig zehn Tarsisschifife aus. Sie wurden jedoch, bevor sie noch ausgelaufen waren, von Stürmen zertrümmert. Dadurch liess sich der König so entmutigen, dass er den Vorschlag Asarjas von Israel, mit ihm gemeinsam eine neue Handelsflotte zubauen, ablehnte (1. Kön. 22, 49; 2. Chron. 20, 35 f.). Zur Zeit der Makkabäer war Joppe durch Simon's Eroberung ein jüdischer Seehafen geworden (1. Makk. 14, 5). An dem Denkmal, welches dieser Fürst seiner Familie errichtete, waren weithin sichtbare Darstellungen von Schiffen ausgehauen. Auf Münzen des Alexander Jannai, Alexander's II. und des Herodes, der übrigens auch Caesarea zum Hafen hatte ausbauen lassen, sieht man einen Anker. Des Herodes Sohn Archelaos liess eine Münze prägen, welche ausser dem Anker noch einen Dreizack aufweist. Doch deuten diese Symbole nur den Besitz von Hafenstädten, nicht etwa Schiffahrtsbetrieb an. Inwiefern die Juden in alter Zeit überhaupt weite Seereisen unternommen haben, lässt sich im einzelnen nicht mit Bestimmtheit sagen. Auffallend ist die Leichtigkeit, mit welcher sich der Prophet Jona zur Reise nach Tarsis entschliesst, und die Lebendigkeit der Schilderung einer Seefahrt in Psalm 107, 23 f., welche auf ein eigenes Erlebnis schliessen lässt. Von Schiffahrt auf dem See Genezareth weiss uns das Neue Testament manches zu berichten. Ja, die ganze Szenerie versetzt uns mitten unter das Fischervolk, welches aus diesem See seine Nahrung holte (Matth. 4, 21; 13, 2; Joh. 21, 3; Luk. 5, 3 u. s.w.). Nach Josephus („Jüdischer Krieg" III 10, 1. 9) hatten die Bewohner von Tarichäa gegen die Römer, welche sich dadurch auch genötigt sahen, eine kleine Flotte zu bauen, viele Schiffe ausgerüstet. Derselbe Geschichtschreiber berichtet (a. a. O. II 21, 8) von 230 mit je 4 Ruderern bemannten Schiffen, welche die Juden auf diesem See hielten. Gelegentlich erzählt er auch (III 9, 1) von jüdischen Seeräubern, welche ihre Schiffe im Hafen von Joppe ausrüsteten. Eine genaue Vertrautheit mit Seefahrt und Schiffseinrichtung verrät der Talmud an mehreren Stellen. Kleine, muldenförmige Kähne wurden zum Getreidetransport auf dem Jordan benutzt. Grosse Schiffe wurden damals in Palästina nicht gebaut. Sie galten als bedeutend, wenn sie beim Besteigen nicht ins Schwanken gerieten. Der Talmud kennt bereits ein Seerecht. Es heisst in der Baraita Baba Kamma 116b: „"Wenn ein Schiff einer Handelsflotte ohne Verschulden des Eigentümers zu Grunde geht, so müssen die Besitzer der anderen Schiffe dafür aufkommen. Wenn mehrere ein Schiff befrachten und ein Sturm zwingt, einen Teil der Ladung über Bord