Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-07-01 · Heft 7 (Juli 1902) · p. Seite 477 - 478

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 7 (Juli 1902)
Article
Rachel Mironowna Chin
Date
1902-07-01
Page
Seite 477 - 478 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583898-2585773--01872-2585857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

477 Josef Melnik: Rachel Mironowna Chili. 478 Belletristin, die das Wechselverhältnis zwischen, den Juden und Christen schildert, denn Petersburg und Moskau sind die einzelnen grösseren Städte, wo die jüdischen „höheren Sphären" mit der christlichen Highlife in Berührung kommen. Sie schildert oft und gelungen den jüdischen Intelligenten, hauptsächlich den jüdischen Arzt und Advokaten, die, sobald sie eine soziale Stufe erklimmen, sich von der jüdischen Volksmasse zurückziehen und nie mehr um das traurige Schicksal derselben sich kümmern. Sie legt die absolute, geistige Leerheit und Falschheit der Salonkultur bloss, jener „ oberen Zehntausend", die das Schicksal von hundert Millionen Menschen beeinflussen. Manchmal gelingen ihr echt russische Typen sogar besser als manche jüdische, weil sie sie eben gut kennt. Sie ist von humanen Ideen begeistert, die in ihren Schilderungen etwas wie sittliche Entrüstung aufkommen lassen, was natürlich auf ihre Kunst schlecht einwirkt, aber trotzdem sind ihre negativen Typen, wenn ich mich so ausdrücken darf, gelungener und lebenswahrer als ihre positiven, die Vertreter guter Ideen und edler Thaten. So ist der Advokat in der Erzählung „Einsamkeit" viel getroffener, künstlerisch mehr beachtungswerter als der Held der Erzählung „Ein Träumer", weil sie die „schlechten", von der faulen Salonkultur und von dem sozialen Konventionalismus zerfressenen Leute schildert, wie sie nämlich sind, während die „guten Leute", sozusagen, mehr Produkte ihres Ideales sind, wie ein Mensch sein soll. Eine ihrer talentvollsten Novellen, die künstlerisch und stofflich bedeutend ist, ist „Makarka", die Geschichte eines jüdischen Knaben, die Geschichte seiner Qualen und Leiden, ein Seitenstück zu der talentvollen Geschichte „Das Verlöbnis" von Efraim Frisch. Es ist die Geschichte des unglückseligen jüdischen Knaben, der von Jugend auf von der bürgerlichen Rechtlosigkeit, die er auf der Schulbank noch zu fühlen bekommt einerseits, und von den Ueberrechten des jüdischen Vaters an seinem schutzlosen Kinde andererseits gequält wird, bis er Selbstmord an sich begeht. Es ist überhaupt ein gutes Zeichen und eine willkommene Erscheinung,dass parallel mit der Bewegung für die Kinderemanzipation — eine der wichtigsten Emanzipationen des Menschengeschlechtes — in der allgemeinen Litteratur, oder wie Ellen Key dies ausdrückt, das Recht des Kindes, seine Eltern zu wählen, auch von jüdischen Dichtern der Versuch gemacht wird, die „jüdischen Väter", diese despotischen Sultane, vor das Gericht der Poesie zu ziehen, 'vor jene Hölle, von der, wie Heine sagt, kein Heiland, kein Erlöser zu retten vermag. „Makarka" ist eine der besten Schöpfungen in dieser Richtung, in der „Los von Vätern- Litteratur." Diese Novelle wurde vom russischen Verlage für das Volk „Posrednik", als er unter der Leitung Tolstoi's stand, herausgegeben. Was noch besonders in den Erzählungen der Frau Chin auffällt, das ist die Kenntnis des internationalen Typus, der Passagiere der D-Züge, denen man gewöhnlich im westeuropäischen Badeorte begegnet. Diese Kenntnis muss sie wohl längerem und häufigem Aufenthalte im Auslande verdanken. Als Schriftstellerin ist sie vollkommen. In Rachel Mironowna Chin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.