Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- Rachel Mironowna Chin
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 475 - 476 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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475 Josef Melnik: Rachel Mironowna Chin. 476 meine nicht von den sichtbaren und unsichtbaren „Feinden Israels", sondern sogar von den besseren Leuten in „Israel", wenn sie auch keine Parteijuden, Juden mit einer Bedingung, sondern bedingungslose Juden sind. Ein altes Lied, alte, veraltete Worte summt sie uns in die Ohren. "Wahrlich, sie schreibt über Zionismus, über Nationaljudentum, über Assimilation, über Volksbildung und andere, im modernen Judentume florierende Ideen, über alles, wozu die Zeit sie zwingt, aber es kommt ja nicht daraul an, das „Wie" ist hier sehr wichtig: wie die „Judenfrage" behandelt wird, das ist ja die Hauptsache. Sie bringt zu allen jüdischen Festtagen Leitartikel, die in den alten abgedroschenen Phrasen, mit dem seelenlosen, zur Pflicht gewordenen Pathos geschrieben sind und gewöhnlich mit den stereotypen Worten beginnen: „Die Judenfrage, die seit zweitausend Jahren" u. s. w. Kein Puls, kein Leben, keine lebenzeugende Bewegung ist darin. Wie allmählich die Seele aus dieser russisch-jüdischen Litteratur schwindet, beweist genügend die eine Thatsache: die Abwesenheit jüdischer Dichter in ihr. Alles, was Anspruch auf Geist erhebt, aber keine Wurzeln im Geiste hat, von demselben nicht inspiriert ist, ist Lüge; wo das religiöse Gefühl umschlägt, nach neuen Ausdrucksformen drängend, und die alten Formen bestehen bleiben, da ist Heuchelei. Wir werden niemals den Eindruck des Seelischen erhalten, wo keine Seele vorhanden ist. Einen Leitartikel, eine Korrespondenz, ja — so weit reicht es, aber Kunst kann man nicht lügen, wenn die inneren Bedingungen nicht vorhanden sind. Einen „Krieg und Frieden", einen „Faust" kann man nicht lügen, dazu muss man ein Tolstoi, ein Goethe sein, aber „Kleine Briefe" zu schmieren, dazu genügt ein Ssuworin. Die russisch-jüdische Litteratur, die immer auf die neuhebräische und jargonische Litteratur von oben herabsah, nährt sich gegenwärtig in Kunst und Poesie durchaus von diesen beiden Literaturen: sie übersetzt neuhebräische und jargonische Dichter, weil keine russisch-jüdischen da sind. Die neuhebräiscbe und jargonische Litteratur sind gerade aus einem Seelenbedürfnisse hervorgegangen, sind natürlich wie Empfindungslaute, darum ist Leben und Kraft in ihnen, trotzdem die Schöpfer dieser Litteraturen halbverhungerte, nicht systematisch gebildete, für ihre Ideen leidende Leute waren, während die russischjüdischen Leitartikler mit Universitätsdiplomen ausgestattet sind. Manchmal sind halbe Wahrheiten in dieser Presse anzutreffen, so wenn sie von ihrem bürgerlichen Schmerz, von ihrer Rechtlosigkeit spiicht, aber wie Multatuli sagt: „Zwei linke Handschuhe machen kein Paar Handschuhe. Zwei halbe Wahrheiten machen keine Wahrheit." Ausserdem liegt etwas Tragisches in den Bedingungen dieser Litteratur. Der bekannteste Dichter des Judenschmerzes in russischer Sprache, Simon Frug, der von sich mit den Worten des jüdischen Dichterfürsten Jehuda Halevy sagen konnte: Liwkoth enutech ani tanim ist nicht mehr in der russisch-jüdischen Presse anzutreffen. Er ist der beständige Mitarbeiter einer Petersburger antisemitischen Wmkelzeitung („Peterburgski listok"), des Leiborganes aller Petersburger „Dworniki", in dem er viel Ungereimtes in Reimen schreibt. Ja. so steht's: die russisch-jüdische Litteratur ist im Aussterben begriffen. Die einzig talentvollen Menschen, die einmal in ihr arbeiteten, sind in die allgemeine russische Litteratur übergegangen. Um den Gründen dieser Erscheinung nachzuspüren, muss .man etwas ausführlicher darüber schreiben, ich bin schon aber allzuviel von meinem Thema abgeschweift, obwohl diese Einleitung in unmittelbarem Verhältnisse zu ihm steht. Ich will nun von der russisch-jüdischen Belletristin sprechen, von Rachel Mironowna Chin. Diese Belletristin verdient unsere Aufmerksamkeit schon dadurch, dass sie die einzige russisch-jüdische Belletristin ist, sozusagen ein Unikum. Frau Rachel Mironowna Chin wurde im Jahre 1863 geboren. Als Kind lebte sie im Auslande und in Moskau, und nachdem sie das Gymnasium in Moskau absolviert hatte, studierte sie ein Jahr Medizin in Petersburg, ging aber bald darauf nach Paris, um Geschichte und Litteratur in der Sorbonne und College de France zu studieren. Dort begann sie auf den Rat Turgenew's, den sie kennen lernte und mit dem sie sich befreundete, ihre erste Erzählung zu schreiben. Ihre Erzählungen veröffentlichte sie in allgemeinen russischen Journalen, dieselben wurden später in zwei Bänden einzeln herausgegeben. Frau Chin ist keine Dichterin des Ghetto, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie es nicht aus unmittelbarer persönlicher Anschauung kennt. Ihr Milieu sind die in den zwei Hauptstädten Russlands lebenden Juden. Sie ist die erste