Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1902)
- Article
- Richard Goldberg
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 455 - 456 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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455 G. Kutna: Richard Goldberg. 456 RICHARD GOLDBERG-LEOBSCHUETZ. Typ von Montmartre. Existenz liegt, das Porträt eines Mannes in der Vollkraft der Jahre und des Willens. Hier zielt alle Seele auf Thathandlung, alles Denken auf Realisierung. Ein raschprüfendes Auge, -von Energielinien umzogen, als enge sich das Auge ein im Festhalten des Zieles, willensbewusst und wach, und eine thatfeste, thronende Stirn. Ebenso die Nase, breit und fest angelegt, in straffem organischen Gefüge. Ueberall die Muskeln vorherrschend, das Nervale gebändigt. Dann zwischen kurz aufgespitztem Schnurrbart und Bart der lebenswarme Mund in korrespondierendem Charakter mit dem Auge. Volle, sprechende Dippen, latente Bewegung, die jeden Augenblick erwachen will zu warmem, aber festem Klang der Stimme. Zwischen Mund und Auge ziehen sich dann Dinien, die derselbe Charakter geformt, und geben dem Ganzen die einheitliche Bewegung. Und die Bewegung wächst in der Betrachtung, bis er dann aufsteht, zu sprechen beginnt für Deben und That, die des Todes nicht gedenken. Wie einer die Menschen sieht, so sieht er die Natur. Denn was er selbst lebt, das leben die Menschen um ihn, und die Natur um sie alle. Nur spricht die Natur tiefer, weil sie lallen muss; ihr fehlen die reichen Sprachen der organischen Gebilde, weil sie alle zu arm sind für ihre Botschaft. So spricht sie, indem sie schweigt. Nur Schleier breitet sie um sich und ihre Ewigkeit, denn „der Schleier ist es". Wer den Schleier sieht und das Flüstern darin vernommen, dem ist seine Sehnsucht zu Liedern geworden. Seien sie traurig oder trunken an Lust, nur Lieder müssen's sein; nicht die Lust beseligt, sondern das Lied. Dem Liede ging Goldberg nach in der Landschaft, und es reute ihn nicht, dass es traurig ward. Je wehmütiger es ward, desto holder klang ihm die Wehmut. Er sah die Natur in den Stunden ihrer Entsagung, wenn die Blüten und die Freunde sie verlassen, und sie in den Spätherbst und die Nacht hineintrauert. Die letzten Triller sind verklungen, dieFarben zum Sterben ergraut, undnur Menschen, die eigenen Morgens harren, weil ihnen frühe Schatten gekommen, haben Treue genug, in Abend und Alter ihren kommenden Morgen des Lichtes und der Blüte zu sehen. Er kam zu ihr, um ihr von sich und seinen Leiden zu sprechen, da that sie ihm ihre und seine Lebnisse kund. Mutter Erde liegt da., regenfeucht, grau und arm; weicher Halbnebel spannt sich zwischen ihr und der Weite, ein lebensverlassener Weg durchquert sie und wölbt sich traurig hinaus in Ferne und Stille. Ein einsames Haus, ein einsamer Baum lebt in ihr seine RICHARD GOLDBERG-LEOBSCHUETZ. Portrait.