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Ost und West · 1902-07-01 · Heft 7 (Juli 1902) · p. Seite 457 - 458

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 7 (Juli 1902)
Article
Richard Goldberg
Date
1902-07-01
Page
Seite 457 - 458 (sequence 7)
Language
German
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457 G. Kutna: Richard Goldberg. 458 Armut, und ein einsamer Mensch seine Not. Und sie teilen Armut und Arbeit, die einsame Mutter und der verlassene Sohn. Sie reicht ihm von ihrer dürftigen Habe, und ihr Glück und ihre Schönheit ist ihr Geben und ihre Sehnsucht zu geben; sie weiss nicht, wie ärmlich ihr Grün, und dass ihre Saat so spärlich. Und auch er hat es vergessen in der Stetigkeit der Tage, er sah nur die Mutter, und die Mutter ist immer schön. In dem dumpfen Schweigen schiebt . er schweigend seinen Karren, er geht zu ihr, um Leben aus ihr zu erwecken, oder schluchzt hinter dem Wagen her, um sein Totes in sie zu betten. In diesen Landschaftsskizzen mit ihrer Segantini- Stimmung hat der Maler ein Bild seiner inneren Geschichte gegeben, denn die Skizze verrät immer mehr als das Werk; das Werk zeigt das Können, den Künstler, die Skizze den Menschen. Und hier steht ein Mensch, der zur Natur gebetet, dass sie Freundin werde seines einsamen Fragens, und dem sie geantwortet mit dem Schweigen der Liebe. HEBRAEISCH UND JUEDISCH. Von Mathias Acher, Wien. Wenn ich über „Hebräisch und Jüdisch" zu westeuropäischen Juden sprechen kann, so verdanke ich dies nicht zum mindesten dieser Zeitschrift, die der Unkenntnis der Grundthatsachen auf diesem Gebiete einigermassen entgegenarbeitet. Jedenfalls hat es „Ost und West" dahingebracht, dass sein Leserkreis von jener sonst so verbreiteten köstlichen Naivität entfernt ist, die in jedem hebräisch gedruckten Buch ein Gebetbuch oder ein theologisches Werk sieht. Dass Hebräisch und Jüdisch zwei Sprachen sind, die im modernen Verkehrs- und Litteraturleben der östlichen Juden eine grosse Rolle spielen — diese Thatsache setze ich also als bekannt voraus. Minder klar dürften sich, glaube ich, die deutsch-jüdischen Leser dieses Blattes über das gegenseitige Kräfteverhältnis der beiden Sprachen sein, über ihren Kulturwert und ihre Bestandaussichten, kurz über diese ganze merkwürdige Eigentümlichkeit eines Volkes mit zwei Sprachen. Wer sich auch hierüber einigermassen klar werden will, darf sich vor allem nicht von den Heissspornen entgegengesetzter Parteirichtungen ins Schlepptau nehmen lassen. Soll man den Zionisten der äussersten Linken oder Rechten — wie muss man eigentlich sagen? — Glauben schenken, so ist das Jüdische ein garstiger Jargon, ein widerwärtiges Gemengsei der verschiedenartigsten Sprachbrocken, ein getreues Abbild der „Golus"- Schande, eine Sprache ohne nationale Würde, ohne nationale Zukunft, ein trauriger Notbehelf. Hört man wieder den extremsten russisch-jüdischen „Bundisten" zu, dann ist das Neuhebräische eine Treibhauspflanze bourgeoiser Romantik, eine Sprache ohne Beziehungen zum wirklichen Leben, eine Sprache ohne soziale Zukunft, ein unnötiger Luxusartikel. Dass der sogenannte „Jargon" auf die Ohren der meisten Nichtjüdischsprechenden unangenehm wirkt, ist eine Thatsache, die aber wenig zu sagen hat. Abgesehen davon, dass es sich hier mehr oder weniger um eine Frage des persönlichen Geschmackes handelt, ist nicht abzusehen, wie das ästhetische Urteil der Unbeteiligten auf die wirklichen Machtverhältnisse unter den Beteiligten von Einfluss sein soll. So klingt ja auch das Englische den meisten nichtenglischen Ohren sehr unschön, und doch ist es die Sprache zweier gewaltiger Kulturnationen. Noch mehr, es erhebt sich sogar in den unsterblichen Dichtungen Shakespeare's und Byron's zu anerkanntem Wohllaut und Schönheit. Schwerwiegender ist schon der Vorwurf des „Gemengsels", denn ein wirkliches Gemengsei, d. h. ein künstliches Stückwerk ohne innere Einheit, besässe keine Lebenswirklichkeit, keine Entwicklungsfähigkeit. Aber das Jüdische ist wohl aus mehreren Sprachquellen geflossen, — wieder ebenso wie das „Englische" — jedoch sicherlich so wenig wie dieses ein Gemengsei. Es ist wahr: der grösste Teil der Wörter stammt aus dem Deutschen und die Flexion ist deutsch: fast alle übrigen Vokabeln, namentlich fast alle Bezeichnungen für die Begriffe des höheren geistigen Lebens, sind hebräisch, auch der Satzbau ist zum Teil hebräisch; schliesslich nehmen slavische, romanische und anderssprachige Wörter und Eigentümlichkeiten einen beträchtlichen Raum ein. Doch alle diese Flüsse und Bäche, die aus verschiedenen Weltgegenden herniederfliessen, vereinigen sich zu einem mächtigen einheitlichen Strom. Das Sprachbild des Jüdischen ist ein eigenes, früher nicht dagewesenes, der Geist des Jüdischen ist ein neuer, einheitlicher.

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