Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Das Amulett
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 417 - 418 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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417 M. S. Feucrberg: Das Amulett. 418 Kabbalisten. Im Hofraum lag der Kot sehr hoch, der Vater nahm mich also nochmals in seine Arme, trug mich durch den ganzen Hof, öffnete eine Thüre, und da waren wir in der Betstube des Kabbalisten. „Vater, wohnt der Kabbaiist hier im Klausel? Mir scheint ja, hier ist ein Klausel." „Dieses Klausel ist sein, aber er hat auch eine Wohnung/*' „Ist der Kabbaiist zu Hause?" wandte sich der Vater an einen der Bethausbesucher. „Jawohl.** Der Vater öffnete nun eine andere Thür, die der Wohnung zugekehrt war, und wir kamen in einen langen, dunklen Gang. Da öffnete der Vater noch eine Thür, und wir kamen in ein kleines Gemach Ein langer rotgestrichener Holztisch stand ungefähr eine Elle vom Fenster entfernt. An dessen einer Längsseite dehnte sich eine lange Bank, an der entgegengesetzten Seite aber standen zwei Holzstühle. An der einen Schmalseite stand ein Holzdivan, an der anderen Schmalseite, an der Spitze des Tisches, stand ein grosser Stuhl, auf dem ein grauer Mann sass, in ein grosses, dickleibiges Buch vertieft, das vor ihm lag. Der Vater ächzte, anscheinend um die Aufmerksamkeit des Alten zu erregen. Der Alte wandte den Kopf und Hess den Blick in alle Ecken der Stube schweifen, dann heftete er die Augen auf den Vater und auf mich. Ich erschrak sehr unter seinem Blick, seine grossen, schwarzen Augen, die tief eingefallen waren, kamen mir wir Feuerkohlen vor. Seine Augenbrauen waren lang und buschig, und über ihnen blickte die grosse weisse Stirn, ihrer ganzen Länge und Breite nach von unzähligen Falten durchfurcht. Seine Schläfenlocken waren lang und wirr, sein Bartwuchs reich, seine Wangen hohl und dürr und von bläulicher Färbung wie die Farbe eines Toten. Ich erschrak heftig und konnte seinen Blick nicht ertragen . . . Ehrfurchtgebietend war mir dieser Blick, heilig und voll Hoheit erschien mir die Stirn, ich wusste jedoch selbst nicht, warum. Mein Hirn marterte sich und liess verschiedene Bilder und Gedanken an mir vorüberziehen, aber sie alle waren verschwommen, und ich wusste nur eines, fühlte nur eines: dass hier eine ganz andere Welt sei, eine Welt voll zauberhafter Macht und Weihe. Das Gemach war klein und armselig, der Jude, der darin wohnte, ma^er und schwächlich wie alle Juden, und doch: welch ein Unterschied! Ich empfand es tief in der Seele, wie hocherhaben dieser Jude war und wTie viel Weihe und Lauterkeit in diesem kleinen Gemach webte . . . „Salmon!*'* — rief der Alte — ,,was ist Dein Begehr, Salmon, und wer ist der Knabe?;f „Der Knabe ist mein Sohn, Rabbi. Er treibt kindische Dinge. Schon einige Nächte wacht er plötzlich mit lautem Geheul aus dem Schlaf auf. Auch am Tag sitzt er verstört im Glieder, und die Schwermut überwältigt ihn." Der Alte warf einen Blick auf mich, da erschauerte ich und klammerte mich an die Rockschösse der Vaters. „Lernt er im Cheder?'c „Jawohl, Rabbi, bei God dem Melamed/'18) „Liest er jede Nacht das Sch'ma?*' „Jawohl." 5,Sind seine Zizith19) koscher20)?:i „Ja wohl." „Und die M'susoth21) in Deinem Hause — sind sie koscher?*'*' „Jawohl.** „Es ist nichts, gar nichts: er ist ein Närrchen,. darum weint er. Allein, Salmon, wenn die Kleinen auch grundlos weinen, so haben wir Grossen vieles, vieles zu beweinen. Ach, sag' mir doch, Salmon, was wird dieser Dein Sohn werden? Ich denke Gott behüte nicht daran, dass Du Deinen Sohn der „K'lipha** ausliefern könntest, aber ich befürchte — möchte ich doch meinen Mund nicht dem Satan öffnen! —, die „K'lipha** könnte Deinen Sohn gegen seinen Willen an sich ziehen . . . Ach, wer mag wissen, was der morgige Tag mit sich bringt! Der Messias ist noch nicht erschienen, alle Fristen sind verstrichen, die Augen des Zeitalters vergehen vor banger Erwartung, die Männer des Glaubens sind ausgestorben, die „Hirne"' werden immer kleiner, und die Sch'chinah steigt von ihren „zehn Sphären1'* nicht herab. Ein giosses Wort will ich Dir sagen, obgleich es schwer zu verstehen ist: Die Väter müssen ihre Kinder in die Sch'koles22) schicken und die Maskilim23) müssen weltliche, verderbliche Bücher lesen! Die Heiligkeit ist leider durch die Fülle unserer Sünden aus der Welt entschwunden,, und da nun die Welt aller Heiligkeit bar geblieben ist,, hat Samiel sein Netz ausgespannt und fängt unschuldige Seelen. Wer Augen hat, der sieht die Sache greifbar . . . Die Welt ist entleert von jeder Heiligkeit . . . Wehe uns, wehe uns, wehe uns — erhob er seine Stimme klagend — wir haben keinen Halt in dieser Welt, wir haben keinen Platz in ihr und sind in der Verbannung mitsamt der Schfchinah . . ." Ich verstand ihr Gespräch nicht und doch war ich im Innersten tiefbestürzt. Eines verstand ich: dass die Lage furchtbar, der Kampf heftig, der „böse Trieb** ein erbitterter Widersacher sei. Er ist ein „Geist**, ein böser Geist wohl, aber immerhin ein geistiges höheres Wesen. Ach! dachte ich in diesem Augenblick — ist diese dunkle Welt, die voll ist von Kot und Schmutz, es wohl wert, dass man ihretwegen soviel kämpfe und leide? Die Mutter erzählt, dass man schon auf das Kind in der Wiege acht haben müsse, dass es nicht in der Nacht erwürgt werde. Schon das Kind in der 18) Lehrer im Glieder. Schaufäden. 20) Vorschriftsgemäss. 21) Pergamecirolien an den Thürpfosten. -2) Nichtjüdische, überhaupt weltliche Schulen. -3) Aufklärer, weltlich Gebildete.