Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Das Amulett
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 415 - 416 (sequence 4)
- Language
- German
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415 M. S. Feuerberg: Das Amulett. 416- Worte „Vollkommenkeitsstufe" liegt. Du glaubst, „Vollkommenheitsstufe" das sei nur so — wie die Leute sagen. Könntest Du aber die wahrhaft heiligen Bücher verstehen — auch da hab' ich ein Geheimnis, das Du nicht verstehen kannst; ich darf über solche Dinge mit einem Weib nicht einmal reden; auch im Klausel ist die Zahl derer, die „verstehen", stark zurückgegangen —, so würdest Du verstehen, dass Vollkommenheitsstufe kein einfaches Ding ist, sondern etwas gar Tiefes. Ich hab' mein Geheimnis in der Sache, aber Du kannst es nicht verstehen . . . Wüsste ich wenigstens bestimmt, dass der „Rabbi" so recht weiss, was Vollkommenheitsstufe ist. Aber auch daran muss ich zweifeln . . . Ich sehe, dass alles zu Grunde geht, alle Mühe unserer Väter geht zu Grunde! Mir ahnt im Herzen grosses Uebel, alles wird zu Grunde gehen, die ganze .Jüdischkeit"' wird zu Grunde gehen durch die Sünden des Zeitalters . . . Ich weiss auch nicht, was aus diesem unseren Chophni werden wird. Der Mensch braucht einen Nährboden — das ist ein Geheimnis, das Du nicht verstehen kannst —, die Heiligkeit vermindert sich immer mehr, so wird er denn von der „K'lipha"10) Nahrung ziehen müssen, „und einen Menschen gab's nicht auf Erden", es giebt keinen wahrhaft Gerechten, der dem Zeitalter Schutz gewähren könnte . .. Nein, ich mag nicht fahren; es wird besser sein, ich gehe mit ihm zu Rabbi Sch'majah, dem Kabbalisten. Wohl ist er „draussen" stehen geblieben11), ist ein „Gegner"12), kennt die „Abstufungen" nur bis zum „Ari"13) und R. Chajim Vital14), und das „heilige Prinzip"' hat bei ihm aufgehört, sich fortzupflanzen; wohl kennt und glaubt er nicht eine Entwickelung des „heiligen Prinzips" vom Baal Schern Tob15) bis zum „Alten" — das ist ein Geheimnis, das Du nicht verstehen kannst —, allein wenig ist immerhin besser als garnichts: er weiss wenigstens, was „Vollkommenheitsstufe" ist . . . Jawohl, ich will zu ihm gehen, nur zu ihm." Die Mutter wusch mir das Gesicht, reinigte mir Mund, Zähne und Augen, glättete mir hüsch die Schläfenlocken, zog mir den Sabbatrock an, hüllte mich in den Wintermantel, nachdem er von dem vielen Kot und Schmutz aus der Winterszeit befreit worden war, dann rückte sie mir die Mütze zurecht und, nachdem sie mich einen Augenblick betrachtet und gelinde den Kopf geschüttelt hatte, sagte sie: „Sieh' zu, Chophni, dass Du Dich artig beträgst. Gehst Du ja mit Deinem Vater zu Reb Sch'majah, dem Kabbalisten. Reb 10) — Schale, Hülle. In der kabbalistischen Terminologie etwa die Gewalt, der ■Machtbereich des Büsen, der ICduschah Heiligkeit entgegengesetzt. n) D. h. bei der älteren, vorchassidischen Kabbala, als deren verinnerlichte, vertiefte Ausdrucksform sich der Chassidismus ansieht. 12) sc. des Chassidismus. i3j Rabbi Isak Luria (1533—1572), der Begründer einer chassidischen Schale. 34j Schüler und Nachfolger Luxia's. Rabbi Israel Baal Schern Tob (1698-1759), der Begründer des Chassidismus. Sch'majah ist ein grosser Mann, ein „ehrlicher Jud% und Dein Vater sagt, dass er ein Mann von „hoher Stufe" sei, möchtest Du ihm doch gleich werden, guter Gott! Ja, ja, Chophni, es ist nichts Besonderes daran. Du könntest werden, wie er, es wäre keine Schande für Deine frommen Voreltern, wenn Du würdest, wie er, und auch Du müsstest Dich Deiner Voreltern nicht schämen, selbst wenn Du grösser würdest als er. Geh',, mein Kind, geh', Dein Vater ist auch schon angekleidet, geh' mit ihm artig, dass er sich nicht über Dich ärgere." „Weisst Du, wohin Du gehst?" fragte mich der Vater, als wir aus dem Haus ins Freie traten. „Zu Reb Sch'majah, dem Kabbalisten, Vater." „Und weisst Du wohl, was Reb Sch'majah, der Kabbaiist ist?" „Reb Sch'majah ist ein ehrlicher Jud, ein grosser Mann, hat die Mutter gesagt." „Und sonst nichts? Er ist auch ein Kabbaiist und ein Mann von hoher Stufe. — Und warum gehst Du zu ihm?" „Warum? Mir scheint doch, du hast der Mutter gesagt, warum!" „Ach, Chophni, könntest Du doch recht verstehen! Deiner Mutter hab' ich gesagt — jawohl, sie will nur das „Materielle", sie glaubt, alles sei bloss wegen der „Nahrung" da und wegen der „diesseitigen Welt". Sie kränkt sich wegen Deines Weinens, glaubt wunder, was daran wäre. Ich aber weiss, dass Dein Weinen keinen Pfifferling wert ist. Du bist ein Dummkopf, ein dummer Junge, darum weinst Du. In der That, warum weinst Du? Was siehst Du denn, dass Du weinst? „Geistiges" verstehst Du noch nicht—ob der Verbannung der Sch'chinah16) weinst Du gewiss nicht. Weil nun aber die Gelegenheit da ist, führ' ich Dich zu Reb Sch'majah. Es ist förderlich für Thora und Tirah17), in das Gesicht eines frommen Mannes zu blicken. Solche Männer wie Reb Sch'majah — sagte der Vater seufzend — werden immer seltener, und wer weiss, ob ihr von der neuen Generation dergleichen Männer noch sehen werdet. Treibt man ja in unserer Zeit und vor unseren Augen Gespött mit uns, und wir fühlen, dass diese Welt nicht mehr die unsere und dieses Leben nicht mehr das unsere ist! Alles ist anders geworden durch unsere Sünden . . ." Der Vater unterbrach sich, denn er bemerkte, dass wir bis zu den Knieen in einer Pfütze standen. Er nahm mich in seine Arme, trug mich aus dem Kot und stellte mich auf ein Holzstück, das am Rande der Strasse lag. Dann gingen wir Schritt für Schritt weiter,, immer nach Fussspuren, Holzstücken und Steinblöcken ausschauend. Oft diente mir der Vater als Uebergang,. indem er mich in seine Arme nahm und von Fussspur zu Fussspur trug. So kamen wir zum Hause des J6) Die Gottesherrlichkeit, die nach einem talmudischen Ausspruche mit Israel die Verbannung teilt. 11) Gottesfurcht.