Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Napoleon I. und die Juden
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 405 - 406 (sequence 2)
- Language
- German
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405 Dr. Julius Reiner: Napoleon I. und die Juden. 406 Stimmungen, besonders die der Mischehen zwischen Juden und Christen, nur durch den Machtspruch eines Synhedriums und nicht durch die blosse weltliche Macht aufgehoben werden konnten. Das war auch der einzige Punkt, der in der Diskussion zu heftigen Auseinandersetzungen und geteilten Ansichten führte. Napoleon beabsichtigte durch die Mischehen das zu erzielen, was noch heutzutage von Vielen als einzige Lösung der Judenfrage angesehen wird. In Wirklichkeit aber haben im grossen und ganzen die Mischehen nur das zu stände gebracht, dass die durch Generationen mühsam O ' zusammengesparten jüdischen Vermögen durch die Heirat von Jüdinnen mit Nichtjuden in die Hände der letzteren übergehen. Die auf diese Weise dem Judentume abtrünnig gewordenen suchen noch ihre jüdische Abstammung dadurch zu verleugnen, dass sie das von ihren jüdischen Eltern erworbene Geld für den Bau von Kirchen oder sogar für antisemische Hetzereien verwenden. Um nicht Thatsachen aus dem täglichen Leben zur Illustrierung anzuführen, verweisen wir auf „L'anneau d'amethyste" von Anatole France. Mole, dessen Grossvater im Jahre 1733 die Tochter des reichen Bankiers Samuel heiratete, hat, so oft er im Auftrage Napoleons mit der jüdischen Repräsentantenversammlung verhandeln musste, einen scharfen und gehässigen Ton angeschlagen j um auf diese Weise jeden Verdacht seiner jüdischen Abstammung fernzuhalten. Er fand aber in dem Vorsitzenden der Notabilitäten Versammlung, Abraham Furtado, und in dem Vorsitzenden des Synhedriums, David Sinzheim, ihm gewachsene Gegner. Beide zeichneten sich durch grosse Klugheit aus, und Furtado war sogar ein ganz bedeutender Politiker, der die Situation sehr genau übersah und sie möglichst zu Gunsten seiner Glaubensgenossen ausnutzen wollte. Die Lage war auch keine leichte. Auf der einen Seite handelte es sich darum, den Wünschen Napoleons durchaus gerecht zu werden, der auf dem Gipfel seines Ruhmes stehend, den Juden die vollständige Gleichberechtigung sichern wollte Abraham Furtado. und auch bei seiner Beeinflussung der Versammlungen bona fide handelte; auf der anderen Seite wiederum musste man doch den Traditionen des jüdischen Volkes treu bleiben und das unter den streng orthodoxen Juden gegen das Synhedrium sich geltend machende Misstrauen bannen. Es war nicht so leicht, die Anerkennung Napoleons zu gewinnen und das Vertrauen der orthodoxen Juden sich gleichzeitig zu erwerben. Die Interessen waren für beide Parteien, für Napoleon, und die orthodoxen Juden, nicht dieselben. Und die Aufgeklärten unter den damaligen Juden haben die ganze Sache von rein politischen Gesichtspunkten betrachtet, die Frage der Religion war für sie überhaupt nicht vorhanden. Sie wollten sich den Eintritt in die europäische Gesellschaft sichern, und das Opfer, das man von ihnen verlangte, die Begünstigung der Mischehen, war von ihnen ohne jede Schwierigkeit zu erlangen. Am 29. Juli 1806 legte Mole, begleitet von den zwei . Staatsräten Portalis und Pasquier, der Notabilitäten-Versammlung folgende Fragen im Namen Bonapartes vor: 1. Ist es den Juden gestattet, mehrere Frauen zu ehelichen? 2. Ist die Scheidung vom Standpunkte der jüdischen Religion erlaubt? und ist sie von Gültigkeit ohne die Zustimmung des Staatsrechtes? 3. Darf eine Jüdin einen Christen heiraten und eine Christin einen Juden? Oder will es das jüdische Gesetz, dass die Juden nur untereinander heiraten? 4. Sind die Franzosen in den Augen der Juden ihre Brüder oder Fremde? ö. Was schreibt ihnen die Religion vor betreffs der Franzosen, die nicht zu ihrer Religion gehören? 6. Ist Frankreich in den Augen der französischen Juden ihr Vaterland? Sind sie verpflichtet, es zu verteidigen? Sind sie verpflichtet, den Gesetzen des Landes und denen des „Code civil" zu gehorchen? 7. Wer ernennt die Rabbiner? 8. Welche sind ihre Obliegenheiten?