Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Napoleon I. und die Juden
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 403 - 404 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583897-2585617--01753-2585699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
403 404 NAPOLEON I. UND DIE JUDEN. Von Dr. Julius Reiner. Nach dem Siege bei den Pyramiden (21. Juli 1798) beschäftigte sich Napoleon I. sofort mit dem Gedanken der Eroberung von Syrien und Palästina, und in diese Zeit fällt auch seine erste Berührung mit den Juden, die er bei diesem Feldzuge seinen diplomatischen und strategischen Zwecken dienstbar machen wollte. Vor dem Feldzuge gegen Syrien gab er den Befehl, die Schonung der Synagogen und jüdischen Altertümer betreffend, und verbreitete auch eine Proklamation, in der er alle afrikanischen und asiatischen Juden aufforderte, sich unter seinen Fahnen zu sammeln, um Jerusalem in seiner alten Pracht wieder herzustellen. Jaffa wurde dann erstürmt, aber das mit Hilfe von Engländern verteidigte St. Jean d'Acre (Akka) zwang ihn zum Rückzüge. Als Napoleon auf dem Schiffe seiner Heimat zueilte, war seine Lieblingslektüre die Bibel, und es ist höchst wahrscheinlich, dass er schon damals, nach dem Verlassen der alten Glanzstätte der Juden, sich mit Reformplänen, die den europäischen Juden zu gute kommen sollten, befasste. Seine zweite Berührung mit den Juden war nach der Schlacht bei Austerlitz (2. Dezember 1805), wo er unter den gefallenen Soldaten auch Juden bemerkte. Dieser Anblick dürfte in ihm die Erinnerung an die Makkabäer und an seinen letzten Feldzug in Syrien wachgerufen haben. Die dritte Berührung war in Strassburg, wo ihm zahlreiche Beschwerden gegen die Juden von selten der Landbevölkerung vorgetragen wurden, die ihn veranlassten, ein Edikt zu erlassen, wonach sämtliche Geldforderungen der Juden für ein Jahr sistiert werden sollten. Hier in Strassburg war es, wo er unter dem Einflüsse der Umgebung sich mit der Judenfrage eingehender zu beschäftigen begonnen hatte. Der grosse Napoleon stand hier unter der Einwirkung zweier Strömungen, von der einen Seite stürmten die Elsässer auf ihn ein, die eine Vertreibung der Juden wünschten, von der anderen Seite drängte sich ihm die jüdische Vergangenheit mit all ihrer Grösse und ihrer Pracht auf, wie er sie auf den Schlachtfeldern von Syrien in seiner Phantasie gesehen hatte. Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, festzustellen, wer Napoleon den Gedanken an die Zusammenberufung einer jüdischen Versammlung nach dem Muster des Synhedriums nahegelegt hatte, oder ob es seiner eigenen Initiative zu verdanken ist, dass das Synhedrium zu stände kam. Es wäre nicht undenkbar, dass Napoleon während seines Aufenthaltes in Syrien mit der jüdischen Vergangenheit und den sozialen Einrichtungen derselben sich beschäftigt hatte. Möglich, dass er im Orient mit gelehrten Juden in Berührung gekommen ist, die ihn über die jüdische Verfassung aufklärten, und dass die Institution des Synhedriums, ihre legislative Macht, sowohl auf rein religiösem als auch sozialem Gebiete, ihm geeignet erschien, um eine Reform des Judentums im grossen Stile durchzuführen. Eine nicht geringe Rolle bei der Einberufung des Synhedriums mag seine persönliche Eitelkeit gespielt haben. Er konnte zwar nicht das jüdische Reich wieder in seinem alten Glänze herstellen, aber eine Institution, die wenigstens den Schatten einer ruhmreichen Vergangenheit auf seine Regierung werfen könnte und somit ihm die Sympathien aller Juden gewinnen musste, eine solche Institution konnte er wieder durch seinen Machtspruch aufleben lassen. Am 26. Juli 1806 sah nun Paris die III jüdischen Repräsentanten — 94 weltliche und 17 Rabbiner — zu einer Sitzung in einem Nebengebäude des Rathauses, in der St. Jean-Kapelle, zusammentreten, um die von Napoleon ihnen vorgelegten Fragen zu beantworten. Die Versammlung wurde in zwei Gruppen geteilt, in die Notabilitäten und in das Synhedrium, welches letztere aus 71 Mitgliedern bestand und unter Beibehaltung der für das Synhedrium vom Talmud vorgeschriebenen Formalitäten einen Ab-beth-din und einen Nasi wählte. Napoleon liess den Notabilitäten und dem Synhedrium eine Reihe von Fragen vorlegen, die sie in gänzlicher Unabhängigkeit beantworten sollten. Im Grunde aber waren von vornherein die Antworten, wie sie eben Napoleon sich wünschte, den Vorsitzenden der beiden Gruppen mitgeteilt, so dass die Versicherung der gänzlichen Unabhängigkeit, die Napoleon durch seinen Vertreter Mole, einen jüdischen Abkömmling, den Juden gegeben hatte, nur eine Farce war. Napoleon wollte nur durch die Notabilitäten und das Synhedrium seinen Bestimmungen mehr Nachdruck und Eingang bei den Juden verschaffen; er wusste ganz gut, dass gewisse Be-