Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Napoleon I. und die Juden
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 407 - 408 (sequence 3)
- Language
- German
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407 Dr. Julius Reiner: Napoleon I. und die Juden. 408 9. Ist ihre Autorität nur auf das Herkommen gegründet? 10. Sind gewisse Beschäftigungen den Juden untersagt? 11. Ist der Wucher gesetzlich erlaubt? 12. Ist der Wucher Fremden gegenüber erlaubt? In den geheimen Mitteilungen, die Napoleon I. an den Minister des Innern, Champagny, richtete, waren die Antworten schon vorgezeichnet, die Napoleon I. auf seine Fragen zu erhalten wünschte. Um den vollständigen Sieg sich zu sichern, verlangte Napoleon in erster Reihe, dass die jüdischen Repräsentanten erklären sollten, das mosaische Gesetz enthalte religiöse und politische Bestimmungen, erstere sind unantastbar, letztere aber sind Modifikationen unterworfen. „Apres la declaration de ce principe viendra l'application" (Nach der Erklärung dieses Prinzipes kommt die Nutzanwendung desselben) fügte Napoleon I. hinzu. Er spricht auch nur vom mosaischen Gesetz und lässt die talmudischen und nachtalmudischen Bestimmungen gänzlich weg, um eine leichtere Operationsbasis zu gewinnen. Bezüglich der Mischehen schrieb er an Champagny: „II faut que des juifs ou juives puissent epouser des frangais ou frangaises. II faut meme que les grands rabbins recommandent ces unions comnie moyen de protection et de convenance pour le peuple juif."1) (Notes secretes de l'Empereur ä M. de Champagnjr en 1806; abgedruckt in „Archives israelites", 1841 S. 140.) Die Beantwortung der Fragen erfolgte zuerst von der Notabilitäten-Versammlung, dann in Form einer mehr religiösen Einkleidung von dem S}Tnhedrium. Die Monogamie ist für alle Juden bindend, wo nur die Staatsgesetze die Polygamie verbieten; die Scheidung hat nur dann Gültigkeit, wenn sie vom Staate bestätigt wird, ebenso die Ehe. Die Ehen zwischen Juden und Christen haben, wenn sie gemäss der Civil-Gesetzgebung erfolgt sind, x) Es ist nutig, dass Juden und Jüdinnen eine Ehe mit Franzosen und Französinnen eingehen köanen. Es ist sogar nötig, dass die Rabbiner diese Mischehen als ein geeignetes Schutzmittel den Juden empfehlen. civilrechtliche Gültigkeit und werden mit keinem Banne belegt. Die Brüderlichkeit sämtlicher Franzosen ohne Unterschied des Glaubens wurde alsimSinnederjüclischenKeligionliegend anerkannt, Frankreich als Vaterland proklamiert, der Wucher weil gegen die Religion verstossend verboten und als ein Verbrechen hingestellt. Am 30. März 1807 schrieb Napoleon I. an Champagiry: „J'ai regu votre lettre du 18. mars avec le memoire de mes commissaires pres les grand Sanhedrin. Iis ont rempli le but que je me proposais, malgre les obstacles qu'ils ont eu ä vaincre; temoignez-leur ma satisfaction."2) Die Juden waren nun zu vollberechtigten Bürgern in allen Ländern des siegreichen Korsen eingesetzt. Sie übernahmen sämtliche Rechte und Pflichten, sie durften mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern ihr Blut auf den Schlachtfeldern für ihr Vaterland verspritzen, ihren Geist in den Dienst der Menschheit stellen und nicht wenig zum Glänze Frankreichs beitragen. Sie wurden geachtet und anerkannt, und der Ausspruch Bonapartes: „Je desire prendre tous les moyen? pour que les droits qui ont ete restitues au peuple juif ne soient point illusoires, et pour leur faire trouver Jerusalem dans la France"3) ging in Erfüllung, aber das dauerte nur so lange, als hinter dem „Code Napoleon" der mächtige Arm seines Urhebers stand, um den Gesetzen die nötige Achtung zu verschaffen. In demselben Maasse aber, als die Traditionen der grossen Revolution in Vergessenheit gerieten, begann auch in Frankreich der Hass gegen die Juden sich immer breiter zu machen und erreichte in der Dreyfus-Affaire seinen heftigsten Ausbruch, der, wie wir hoffen wollen, den endlichen Abschluss einer blinden und ungerechten Behandlung der Juden bilden möge. 2) Ich erhielt Ihren Brief vom 18. März und die Denkschrift meiner Gesandten am Synhedrium. Sie haben das Ziel, das ich mir gestellt habe, erreicht, trotz der zu überwindenden Hindernisse, drücken Sie ihnen meine Zufriedenheit aus. 3) Ich beabsichtige alle Mittel zu ergreifen, damit die den Juden wiedergegebenen Rechte nicht bloss dem Scheine nach existieren, und um sie in Frankreich ihr Jerusalem finden zu lassen.