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Ost und West · 1902-06-01 · Heft 6 (Juni 1902) · p. Seite 393 - 394

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 6 (Juni 1902)
Article
Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus
Date
1902-06-01
Page
Seite 393 - 394 (sequence 2)
Language
German
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393 Dr. Franz Oppenheimer: Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus. 394 allem auch eine gerechte Landverteilung beabsichtigte. Erst musste aus all* den furchtbaren Leiden der erlösende Gedanke aufkeimen und erblühen, dass jeder Mensch, auch der Stammfremde, der „Barbar44, gleichberechtigt sei mit den Stamm genossen, die Sklaverei musste ihre Lebenswurzel in dem Sittlichkeitsgefühl der Menschheit verlieren. Unser Volk gehört nicht zu den letzten, die diese Ueberwindung der starren Volks-Ichsucht erreicht haben: in allen Propheten findet sich die Mahnung, und Hesekiel verlangt die Zuweisung von Landlosen auch an die stammfremden Beisassen. Und zuletzt war es ein Jude, Jesus von Nazareth, der für die längst im römisch-griechischen Kulturzusammenleben, im Hellenismus, vorbereitete, kosmopolitische, allmenschliche Auffassung die grosse Formel und — die reife Zeit vorfand, und dessen Lehre mehr als etwas anderes dazu beitrug, die Sklaverei allmählich auszurotten und die Menschheit Schritt für Schritt weiter emporzuführen von der Knechtschaft zur Freiheit, vom Krieg zum Frieden, von der Rohheit zur Bildung, von der Armut zum Reichtum. Denn alle Bürgschalt unserer Kultur steckt in der Ehre und dem Rechte der freien Arbeit. Und wenn es heute mit den modernen Völkern bergauf geht statt bergab, wenn der Wohlstand wächst statt des Elends, wenn der Mittelstand sich verbreitet statt abzuschmelzen, kurz, wenn die Entwicklung in immer grösserem Winkel von der Linie der Antiken abweicht statt zu denselben Katastrophen, zu demselben ,,grossen Kladderadatsch" zu führen, der Jucla, Athen und Rom niederwarf — dann dankt das die Menschheit in erster Linie den stolzen Ueberlieferungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die das adlige Herrenvolk der Hebräer aus seinen weiten Wüsten mit ins gelobte Land gebracht hatten, eine Mitgift, die sich durch alle Wirren erhalten hat bis auf den heutigen Tag, dank der heiligen Schrift, deren revolutionären Propagandawert Staat und Kirche immer sehr genau gekannt haben. Wären Israel und Jucla nicht als Staattum zerfallen: wer weiss, ob jene furchtbaren -„Hetzreden" der Propheten uns erhalten geblieben wären?! Die herrschende Klasse hätte dafür gesorgt, o o 7 sie zu vernichten, wie sie im ganzen deutschen Mittelalter dafür sorgte, dass sie wenigstens sekretiert würden, da eine Uebersetzung der Bibel in fremde Sprachen streng verpönt war. Und als kühne Neuerer es doch wagten, die Uebersetzungen ins Volk zu tragen, trotz Galgen und Scheiterhaufen, da flogen auch sofort aus diesen Ewigkeitsgluten die zündenden Funken in den bereiten Zunder und Plunder. Es wäre der Mühe wert, einmal genauer zu untersuchen, welchen Anteil das alte Testament an den grossen Gewittern gehabt hat, die das Feudalsystem zusammenschlugen, an der Emanzipation der Sklaven, an der Revolution von 1789? Es war der Wind aus dem Süden, aus den heissen Wüsten am Sinai, der das Eis schmolz und den-Frühling brachte. Heute hasst man uns Juden datum, dass wir die geborenen Revolutionäre sind, die Kinder der Freiheit, die uns im Blute liegt seit drei Jahrtausenden, unveräusserlich; heut hasst man uns, denn noch herrscht bei uns der alte Feind, das Junkertum mit seinen Sklavenhaltergewohnheiten: einst wTird man uns dafür preisen, wenn wir an der Spitze des grossen Gewalthaufens die letzte Zwingburg Nebukadnezars erstürmt haben werden; denn aus dem Blute Davids ist der Welt der Messias verheissen. II. Ich habe Ihnen bis jetzt die Schattenseiten des jüdischen Kapitalismus vorgeführt, seine ausbeutende, glück- und völkerzerstörende Funktion. Wenn das Bild kein erfreuliches war, so wollen Sie bedenken, dass die Wahrheit selten erfreulich ist; und unser Stammesstolz wird nicht allzusehr leiden, wenn wir uns klar machen, dass unser Volk nicht schlimmer war, als alle anderen Völker des Altertums, nicht schlimmer, nur noch unglücklicher. Sie litten alle ohne Ausnahme an einer grossen, schweren Volkskrankheit, der Sklaverei. Aber — sie litten nicht umsonst. Man braucht darum nicht an der Weisheit des Weltplanes irre zu werden, wenn man erfährt, dass die Menschheit drei Jahrtausende und mehr durch ein Meer von Blut und Not waten musste, nur weil sie diese verderbliche Institution der Sklaverei geschaffen hatte. Denn wir erkennen heute, dass trotz alledem diese Institution, als sie entstand, ein ungeheurer Fortschritt, war, vielleicht der grösste Fortschritt den die Menschheit je gemacht hat. Die Sklaverei ist die Wurzel der zwei wichtigsten Errungenschaften der Kultur, der produktiven Gemeinarbeit einerseits und der Völkerverbrüderung andererseits. Bevor sie entstand, war der „Mensch dem Menschen der Wolf". Er erschlug ihn wie das Wild des

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