Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-06-01 · Heft 6 (Juni 1902) · p. Seite 391 - 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 6 (Juni 1902)
Article
Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus
Date
1902-06-01
Page
Seite 391 - 392 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583897-2585614--01742-2585693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

391 392 DIE ANFAENGE DES JUEDISCHEN KAPITALISMUS Von Dr. Franz Oppenheim er. (Fortsetzung.) Diesem übermütigen Reichtum oben steht unten Armut und Elend gegenüber. Wir hören von Besitzlosen, Gedrückten, Entrechteten. Denn es scheint, als habe auch in Israel nur das volle, echte, d. h. durch kein Abhängigkeitsverhältnis 7 o o beschwerte Grundeigentum das Bürgerrecht verliehen. Und wir hören, dass die Reichen, Richter in eigener Sache, verbunden mit den ihrer Klasse angehörenden Beamten und Richtern eine schamlose Klassenjustiz ausübten. „Die königlichen Beamten, denen die Eintreibung der Steuern und Abgaben übertragen war, hatten hierin ein weites und ergiebiges Feld, das sie ebensowenig unbenutzt Hessen wie der Beamte des heutigen Orients." Selbst von den Besitzlosen forderten sie Naturalabgaben. „Ihr tretet den Geringen nieder und nehmet Korngeschenke von ihm", klagt Arnos (V, ] 1). über Israel. Andere benutzten ihre Stellung, um Kornwucher zu treiben, und betrogen dabei die Armen mit zu kleinen Maassen oder zu grossen Geldgewichten. Wer die Schulden oder Steuern nicht bezahlen konnte, wurde mit brutaler Schonungslosigkeit gepfändet: „Sie verkaufen um Geld den Gerechten und den Armen um ein Paar Schuhe, sie lechzen nach dem Erdenstaube auf der Armen Haupt und beugen die Sache der Elenden; auf verpfändeten Gewändern strecken sie sich hin, nebenan jeglichem Altar, und Wein der Gebüssten trinken sie im Hause ihrer Götter." (ArnosII, 82). Die Armen, die Waisen und Witwen waren deshalb in der Regel wehrlos gegenüber den Aussaugungen dieser Despoten, die vor Wut schäumten, wenn wahrheitsliebende Männer bei Gericht als Anwälte der Unschuldigen auftraten. „Sie hassen, wer im Thore rechtfertigt, und wer Redlichkeit spricht, den verabscheuen sie." (Arnos. V, 10). Dazu kamen die unaufhörlichen Militärrevolten im Nordreich, auch ein charakteristisches Kennzeichen jeder Junkeraristokratie, die den kleinen Mann immer tiefer herabdrückten; denn die jeweiligen Machthaber hatten es sehr eilig, sich die Pfeifen zu schneiden, solange sie im Schilfe sassen. Wir brauchen nur einen Blick auf die Süd- und Mittelamerikanischen Republiken zu werfen, um das genaue Gegenstück dieser Dinge in unserer Zeit zu beobachten, denn auch hier bestand wenigstens bis vor kurzer Zeit die Sklaverei, und dementsprechend entwickelte sich die typische Sklavenhalter-Psychologie wie in dem antiken Gemeinwesen. Wie stark diese Motivation ist, dafür ist soeben ein ausserordentlich bezeichnender Beleg bekannt geworden: In allen australischen Staaten herrscht eine ungemein freie Demokratie mit dem grössten Erfolge in wirtschaftlicher, sittlicher und politischer Hinsicht; nur einer ist ausgenommen, in dem eine aristokratische Grundbesitzerklasse das Heft in der Hand hat, und in dem der allgemeine Zustand ein viel weniger befriedigender ist. Und dieser Staat ist Queensland, die nördlichste, subtropisch gelegene Kolonie, in der im Interesse der Zuckerrübenkultur die Einführung kanakischer, farbiger Arbeiter erlaubt ist, die sonst überall verboten ist. Diese Kanaken sind natürlich kaum mehr als Sklaven, und die Folge ist jene Verschlimmerung des öffentlichen Charakters. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist das Todesgift jedes Staates und auch Israel ist ihm erlegen. Dass man diese Zusammenhänge auch in Palästina verstand, dafür legt die flammende Sprache der Propheten deutliches Zeugnis ab, die so zum „Klassenhass aufreizt", dass ein heutiger vStaatsanwalt kaum die Nachsicht begreifen wird, mit der man wenigstens einige in Freiheit gelassen hat, wenn auch die „Priester und Propheten" oft genug ihr Leben forderten (Jeremias 26) oder sie in das Gefängnis warfen. Und noch mehr spricht für die klare Erkenntnis dieses grossartigen Zusammenhangs der Bericht des Jeremia, ,,wonach König Sidkija in der Zeit der höchsten Gefahr in Verbindung mit dem Volke sich dazu entschloss, in Uebereinstimmung mit dem alten, bis dahin konsequent ignorierten Gesetze den israelitischen Sklaven die Freiheit zu schenken, eine edelmütige Anwandlung, die man freilich sofort bereute, als die Gefahr beseitigt zu sein schien." Stärker als alle Gesetze der Menschen und des Glaubens, stärker als wohlmeinende Könige und Richter erwies sich auch liier die verblendete Kurzsichtigkeit der reichen Herrenklasse, die den Fruchtbaum der Volkskraft anbohrte, um den Saft des Sterbenden zu verprassen. Wie die Grachen scheiterten, so scheiterte auch Hesekiel mit seinem Gesetzentwurf, der vor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.