Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1902)
- Article
- Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 395 - 396 (sequence 3)
- Language
- German
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395 Dr. Franz Oppenheim er: Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus. 396 Waldes und verzehrte ihn wie das Wild des Waldes. Erst als seine Arbeit Wert erhielt, mit der Anhäufung der grossen Herden, erhielt er ihn am Leben und presste ihn zur Arbeit: Der Hirt macht Sklaven, der Jäger martert und mordet. So entstand allmählich aus dem Zwang die freie, vernunftmässige Arbeit, — und so entstand langsam, grauenhaft langsam für die kurze Zeitspanne, die unser Eintagsfliegendasein überblickt, das Gefühl vom Werte des Menschen an sich; das starre Stammesgefühl mit seiner Ausschliesslichkeit wurde durchbrochen, und so dem Weltbürgergedanken der erste Flügelschlag gestattet. Und dass es so lange dauerte? — Für die Weltgeschichte sind tausend Jahre wie ein Tag! Wir stehen noch im Kindesalter der Menschheit, ihr Weg ist noch lang und iührt zu immer helleren Höhen. Wenn ich ein Bild brauchen darf, so war die Sklaverei für die kindliche Menschheit ein notwendiges. Organ, gleich dem Milchgebiss, das unsere Säuglinge im ersten Lebensjahre erhalten; die anwachsende Menschheit muss es wieder ausstossen, und das geht nicht ohne Schmerz und Blut. Voll Schmerz und Blut war auch die Geschichte unseres Volkes: aber es hat sein redlich Teil dazu mitgewirkt, die Genesung der ganzen Welt zu vollziehen. Und so sollen wir nicht mit Abscheu, sondern mit Ehrfurcht vor dem Grossen, das sich dort vollzog, auf jene kleine Landschaft am Ostufer des Mittelländischen Meeres blicken, wo der harte Kampf um die Vollendung so schwer gefochten wTurde wie kaum anderswo. Zu helleren Bildern darf ich Sie jetzt führen. Nach Karl Marx vollzog sich die „ursprüngliche Akkumulation" des Kapitals in der Zeit, die er vorkapitalistisch nennt, hauptsächlich auf zwei Wegen, durch Vergewaltigung der Kleinen durch die Grossen — davon haben wir bis jetzt gehandelt — und durch das Kaufmannskapital im Handel, und davon bitte ich um die Erlaubnis, im folgenden zu sprechen. Dass die Juden anfangs kein Handelsvolk gewesen, habe ich bereits gesagt. Sie werden an den Halteplätzen der Karawanen, die ihr Land von allen Seiten her berührten und schnitten, den Ueberschuss ihrer Landwirtschaft und Jagd gegen die lockenden Schätze Indiens, Phöniziens, Egyptens und Mesopotamiens getauscht haben; sie werden ihnen Tribute abgezwungen, sie zeitweilig gegen Entgelt als bewaffnete Schutztruppe durch die Wüsten geleitet haben, wie es noch heute in jener Gegend der Brauch der kriegerischen Stämme ist. Aber nach der Ansiedelung entwickelte sich allmählich auch hier der typische Handel aller Naturalwirtschaften mit der. Arbeitsteilung. Die Weideländer tauschen Vieh gegen Korn, der Wein wird zum Handelsartikel grössten Stils, und Palästina ist ein Weinland ersten Ranges; das unentbehrliche Salz wird von Karawanen überall hingeführt — das Tote Meer lieferte es, und der Hausfleiss der Frauenkammern lieferte grobe Wollgewebe, Stickereien u. s. w. Die Träger dieses. Handels waren zuerst in der Hauptsache hausierende Fremde, die kanaanitischen eingeborenen Städter und namentlich die Phönizier, die in ihrem dichtbesiedelten Lande längst nicht mehr genug Nahrungsmittel erzeugten. Sie führten Vieh und Korn aus Palästina in ihre Städte und exportierten den Wein des Landes sogar über Meer nach Aegypten und Syrien. Auch Bauholz, Glassand und Purpurmuscheln waren ein begehrter Artikel der phönizischen Nachfrage schon in früher Zeit. Unter der Regierung Salomos regt der jüdische Unternehmergeist zum ersten Male kräftiger seine Schwingen. Durch Unterwerfung der Edomiter öffnet eisernem Lande den Weg zum Roten Meere; den Seeweg nach dem glücklichen Arabien mit seinen Riesenmessen, nach dem goldreichen Ophir, nach Indien selbst. Vom Hafen Ailah aus gehen jene ersten Handelsexpeditionen der verbündeten Herrscher Salomo von Israel und Hiram von Tyrus . auf eigens in Ezjon-Geber erbauten und zunächst hauptsächlich mit phönizischen Schiffern bemannten Fahrzeugen. Salomo erwirbt Tadmor in der Oase Palmyra, erbaut Magazinstädte in Chamat und sichert sich durch eine Besatzung in Damaskus die Kontrolle über eine der wichtigsten Karawanenstrassen des Orients. Dieser erste auswärtige Handel, der übrigens bald wieder durch den Verlust Ailahs an die mit Glück aufständischen Edomiter und den Verlust von Damaskus stark eingeengt wurde, ging übrigens zuerst ganz oder doch fast ganz auf Rechnung und Gefahr des königlichen Unternehmers, auch dies ein Rest des alten Patriarchalverhältnisses, dessen Fortsetzung das Königtum war. Denn überall gebührt der Verkehr mit den Stammfremden, diplomatischer wie kaufmännischer, dem Repräsentanten der Stammesgemeinschaft, dem Patriarchen; und hier liegt ebenfalls eine der Ur-