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Ost und West · 1902-05-01 · Heft 5 (Mai 1902) · p. Seite 351 - 352

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 5 (Mai 1902)
Article
Zwischen Vater und Mutter
Date
1902-05-01
Page
Seite 351 - 352 (sequence 5)
Language
German
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351 H. D. Naumberg: Zwischen Vater und Mutter. 352 „Sein Name soll gesegnet sein", ist die Antwort darauf. „Hast Du Verdienst? Wie geht es Dir?" „Nicht schlecht, sein Name soll gesegnet sein." Jizchak blickt mit seinen blauen Augen den Mann voll Liebe und Dankbarkeit an. Hätte er sich nicht geschämt, er hätte dem Mann gesagt: „Ihr seid ein guter Mensch, Ihr verdient etwas —, gelobt sei der Name des Herrn." Aber er schämt sich und bleibt still. Der Zug fährt weiter. Jizchak stellt sich ans Fenster und blickt hinaus. Draussen wird es immer dunkler. Baum und Feld verlieren sich allmählich in der Dämmerung. Die Telegraphendrähte kann man nicht mehr sehen, nur die Stangen springen eine nach der andern vor und huschen rasch wieder zurück. Ueber den Himmel fliegen noch einige rötliche Wolken. In der Ferne blitzt dann und wann ein Licht auf, flackernd und zitternd. Je dunkler es wird, desto mehr solcher Lichter flammen auf. Dann sieht man auch die Telegraphenstangen nicht mehr. Himmel und Erde fliessen in ein Dunkel zusammen . . . Der Zug fuhr jetzt zwischen zwei hohen Wänden Vor Jizchak's Augen war alles schwarz, ganz schwarz. Es schien ihm, als liefe und hastete etwas in der Dunkelheit, weiss Gott woher, wohin. Er wendet sich zu Mendel Socher und sagt ganz eise: „Reb Mendel?" Aber Mendel ist eingeschlummert. „Reb Mendel," sagt er nochmals und zupft ihn am Aermel. „Was?" „Was geschieht, wenn die Räder herausfallen?" Reb Mendel antwortet nicht und lehnt steh wieder in seine Ecke zurück. „Geht die Welt unter, ja?" fragt das Kind, mehr zu sich selbst sprechend. Reb Mendel schnarcht. IV. Um elf Uhr stieg man aus. Jizchak's verschlafene Augen konnten sich noch immer nicht recht öffnen, dazu blendete ihn der starke Lichtschein. Auf allen Seiten sah er hohe Häuser stehen, und Droschken gab es ohne Zahl . . . Erst als er in der Droschke fuhr, wurde es ihm bewusst, dass er nun zum Vater kommen sollte. Und das Herz wurde ihm enge vor Unruhe und vor schwerer Erwartung. Die Droschke fuhr durch viele Gassen, und jedesmal, wenn der Kutscher in eine andere Gasse lenkte, war Jizchak sehr zufrieden, dass •es noch ein bischen länger dauern würde. Er that, als schliefe er und hielt die Augen geschlossen. Beim Thor zog Mendel an der Klingel. Sie mussten lange warten. Kalter Regen klatschte ihnen ins Gesicht. Ein scharfer Wind hob Jizchaks Ueberrock in die Höhe, und das Bündel Wäsche wurde nass. Schritte Hessen sich vernehmen und das Geräusch eines Schlüsselbundes. Die Thür öffnete sich, des Knaben Atem stockte. Jetzt! Sie stiegen die Treppe hinauf. Jizchak schleppt kaum noch die Füsse und sieht nicht, was ringsum geschieht. Er fühlt nur Mendels starke, grosse Hand, die die seine hält. Ein schweres Gefühl lastet auf ihm. Endlich klopft Mendel einige Mal an eine Thür. Man hört den schlürfenden Schritt unbekleideter Füsse und eine Stimme: „Wer da?" Jizchak erkennt Vaters Stimme, und ein Seufzer der Erleichterung entringt sich ihm. Mendel aber läuft in dem Augenblick, als er die Schritte hört, schnell auf den Zehen die Treppe hinab, indem er Jizchak zuruft: „Bleib' da!" Jizchak bleibt stille stehen. Er hat Furcht zu atmen. Ringsum ist's finster. „Wer da?" ruft nochmals die Stimme hinter der Thür. Eine Frauenstimme klingt schrill aus einem rückwärtigen Zimmer: „Oefifne doch, Unglücksmensch, was stehst Du denn?" Die Thür wird geöffnet. Jizchak sieht ein Paar weisse Beinkleider, — der Vater beugt sich vor, tritt wieder zurück und fragt mit erschreckter Stimme: „Jizchak, Du?" „Verdammt, schliess doch die Thür, was ist das?" hört man wieder aus der rückwärtigen Stube rufen. Jizchak tritt ein, die Thür wird geschlossen. Nochmals hört man die zornige Frauenstimme. Der Vater antwortet nicht, fährt mit der Hand über den Kopf und atmet schwer. Jizchak bleibt in der ersten Stube stehen, der Vater geht hinein in die zweite, in der ein dämmeriges Licht flackert. Bald dringt Geschrei herüber. „Deinen Lumpenjungen brauch' ich noch, mag er Hand und Fuss brechen" — so fängt es an und dann folgt eine Flut wilder Verwünschungen und Flüche, dazwischen zittert die Stimme des Vaters: „Beile, Beile." Vaters Stimme ist so weich, er bittet so demütig, dass es zum Erbarmen ist. Das Geschrei will kein Ende nehmen. Jizchak steht beim Kasten und bat Furcht, sich vom Fleck zu rühren. Er überlegt nicht, denkt nicht nach, er kann nicht überlegen und nachdenken ..... Und das Geschrei und die Flüche aus der zweiten Stube schlagen ihm durch die Ohren in den Kopf, wie ein Sturz von Steinen in einem Wasserfall, die fallen und fallen ohne Ende. Er ist so müd. Er lehnt den Kopf an den Kasten und hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. Das Geschrei lässt nach, wie das Donnern, wenn das Gewitter zu Ende geht Es wird abgelöst von stillen, kurzen Verwünschungen, Seufzern und Stöhnen. Endlich kommt der Vater herein, nimmt Jizchak bei der Hand und führt ihn in die zweite Stube. Ein Kopf in einer weissen Haube richtet sich auf aus den Kissen. „Wo wirst Du ihn hinlegen? Dass Dich der .;..!" Jizchak möchte weinen, aber er kann nicht. Der Vater bittet unaufhörlich: „Beile, Beile, ich bitte Dich, Beile, ich will ihn zu Riwke ins Bett legen, Beile, ich bitte Dich . . . ." „Leg' ihn Dir auf den Kopf" — und die Haube dreht sich zur Wand. Der Vater zieht Jizchak aus, legt ihn in ein Bettchen und geht dann selbst zur Ruhe. In der Stube ist's still, manchmal nur seufzt der Vater auf. Ein kleines Lämpchen brennt, und über die Wände und Dielen huschen schreckhafte Schatten. Jizchak liegt ruhig und wagt es eine geraume Zeit nicht, sich zu rühren. Erst da er vermutet, dass alle schon schlafen, getraut er sich, seine Hand zu bewegen und trifft plötzlich auf einen Fuss. Fast hätte er glauben mögen, dass er an seinem Körper ein neues Glied gefunden habe. Dann findet er einen zweiten Fuss. Beide Füsse scheinen ihm ganz und gar überzählig. Er glaubt, es wäre gerade recht, wenn er selbst ganz klein wäre, so klein wie ein Apfel, den man hinstecken kann, wohin man will.

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