Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Zwischen Vater und Mutter
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 349 - 350 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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349 H. D. Naumberg: Zwischen Vater und Mutter. 350 mit einer Sense, mäht alles ab und macht Bündel daraus. . . . Wie er die Augen aufschlägt, blickt er gleich auf seine Hände, und es macht ihm grosse Freude, sie immer wieder anzusehen. Der Friedhof liegt schon weit hinter ihnen. Die Chaussee zieht sich noch immer einförmig. Rechts und links ragen die Bäume. Ueber den Himmel ziehen dichte Wolken. Schatten laufen jeden Augenblick über die Strasse und laufen noch um ein Beträchtliches rascher, als der Wagen, obwohl der Fuhrmann sehr eilt und alles Angst hat, zu spät zu kommen. Um fünf Uhr fährt der Zug ab. Für Jizchak hat Mendel Socher ein halbes Billet genommen. Er hat ihm befohlen, dem Kondukteur, wenn er ihn fragen sollte, zu sagen: „Acht Jahre" und sich klein zu machen. Zusammengekauert sitzt Jizchak in der Wagenecke und hat grosse Angst. Es beginnt dunkel zu werden. Seine halb geschlossenen Augen sehen nur den Rauch, der in die Luft steigt und dann hin- und herflattert, nach rechts und links — fast so, als hätte er nicht Vater und Mutter gehabt. Im Waggon klappert und rasselt es, und vom Gespräch hört Jizchak nur abgebrochene Worte. Irgend einer .fragt: „Wer ist der Junge?" und deutet dabei auf ihn. Er hat Angst, die Antwort zu hören und drückt sich fester an die Wand ... Ein Seufzer wird laut, irgend einer sagt mit weinerlicher Stimme: „Bittere Zeiten!" . . . Man spricht von Bankerotten. Jizchak versteht nicht, was das bedeutet. Er vermutet nur, dass es etwas sehr, sehr Schlechtes sein muss. Etwas, was nur in besonders traurigen Zeiten vorkommt. Wieder ein anderer sagt mit ebenso klagendem Ton in der Stimme, dass die Tage des Messias nahe sein müssten, es gäbe nichts zu verdienen, nichts zu verdienen . . . Allerhand neue gesetzliche Beschränkungen kämen auf — — — Und Jizchak wird weh ums Herz. Er bildet sich ein, die bitteren Zeiten würden sehr lange dauern: Alle Geschäfte werden daniederliegen. Alle Jungen werden ohne Hut und alle Mädchen barfüssig gehen müssen. Und die Kinder werden schreien: „Es hungert uns." Und die Mütter und die Väter werden jammern: „Nicht möglich, etwas zu verdienen, Gott soll sich unser erbarmen!" . . . Er schlägt die Augen auf und blickt um sich. Alle die Gesichter ringsum sehen so vergrämt aus. Und er hat Mitleid mit allen, auch mit Mendel Socher. Er verzeiht ihm auch schon, dass er für ihn nur ein halbes Fahrbillet genommen hat und für sich selbst ein ganzes. Der Zug hält an, Leute steigen aus und ein, man trägt Gepäck ab und zu. Irgend einer frägt mit lauter Stimme: „Ah, wie geht's, Henech?"