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Ost und West · 1902-05-01 · Heft 5 (Mai 1902) · p. Seite 353 - 354

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 5 (Mai 1902)
Article
Zwischen Vater und Mutter
Date
1902-05-01
Page
Seite 353 - 354 (sequence 6)
Language
German
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353 H. D. Naumberg: Zwischen Vater und Mutter. 354 Eine Weile später wendet er seinen Kopf ganz um und sieht zu seinem Staunen das Kissen bedeckt mit •einer Fülle schwarzer Haare. Und sieht dann ein kindliches Gesicht mit roten Lippen. Das Kind atmet ruhig und still. Jizchak sieht es lange an, und es wird ihm ganz merkwürdig fröhlich und leicht zu Mute. Er erinnert sich an sein Brüderchen, das gestorben ist und begraben liegt in der Erde. Wie er noch mit ihm zusammen geschlafen hat, hat sich auch die Bettdecke so auf und nieder bewegt, auf und nieder .... Näher schmiegt sich Jizchak an das Kind, streichelt die Haare, berührt die Stirn. Er möchte das Gesicht besser sehen, richtet sich im Bett auf und beugt sich über das Antlitz. Das Kindchen schläft still, atmet und atmet. Jizchak nähert sich ihm mit den Lippen, küsst es immer inniger und flüstert: „Ich hab' Dich so lieb, hah Dich so lieb, so lieb....." Doch das Mädchen erwacht und fängt laut an zu weinen. Auch die andern wachen auf. Der Vater fragt, was los ist. Die „Haube" schreit und schilt, und das Mädchen weint noch lauter, es schreit und deutet auf Jizchak: „Er . . . er . . . Mamischi!" „Was hat er Dir gethan?" fragt der Kopf in der Haube. „Da, da.....und das Mädchen deutete mit der Hand auf die Backe. Die Mutter holt das Kind und legt es zu sich ins Bett. Ein Paar böse Augen blicken Jizchak an. Jizchak ist nun allein im Bettchen. Ihm ist so weh. Er hat Furcht zu weinen, auch nur zu seufzen. Erst da er eingeschlafen ist, lösen sich aus seiner Brust die Seufzer..... Er hatte einen Traum: Er fand einen grossen Haufen Geldes und nahm und nahm davon, und es wurde immer mehr. Alle Taschen hat er schon angefüllt und Mutter und Vater eine Menge gegeben. Und beide freuten sich sehr, dass es nun keine bitteren Zeiten mehr geben werde, und dass sie sich schon jetzt niemals, niemals trennen würden. Sie sassen bei Tisch und zählten das Geld. Jischak holte immer mehr, Mutter lächelte, Vater auch, und Jizchak patschte in die Hände: „Gut so, gut so! . . Er lächelte im Traum. V. Am frühen Morgen brachte ihn der Vater zur Bahn, und übergab ihn einem Menschen, der ihn an der Endstation absetzen sollte. Jizchak schlief den ganzen Weg und kam nach Jaltow vor Anbruch der Nacht. Er mochte nicht gleich heimgehen, sondern wollte zuerst zum Cheder. Auf dem Wege aber begegnete ihm Mendel Sochers Weib. Gleich Hess sie seiner Mutter sagen, dass er gekommen sei. Jizchak wartete auf Mendel im Laden. Bald kam die Dienstmagd, nahm ihn bei der Hand und führte ihn nach Hause. An der Thür erwartete ihn die Mutter. Ein Mann in einem sammtenen Käppchen mit langem, schwarzem Bart, bog den Kopf aus der andern Stube heraus. Als Jizchak die Mutter sah, stürzte er auf sie zu, barg seinen Kopf in ihrem Schooss und fingan. bitterlich zu schluchzen. Die Mutter drehte sich um zu dem Mann in der andern Stube und begann auch zu weinen. Da verschwand der Mann aus der Thür und ging in der rückwärtigen Stube mit schweren Schritten auf und ab. Und jeder seiner' Schritte war ein Hammerschlag, der auf ein Kinderherz niederfiel. MISCELLEN. Jozef Israels. Ein Eindruck. ... In einem Zimmer des Hotel Bristol. Ein grosser und niedriger roter Ledersessel hält die kleine, schmächtige und gebückte Gestalt des greisen holländischen Malers vollständig umfasst. Der ganze Körper ruht unbewegt. Nur der gegen die Lehne zurückgelegte Kopf und die Hände, die auf den Seitenlehnen ruhen, sind lebendig. Der Kopf. Von weissem Haar und langem grauen Bart ist ein Gesicht umrahmt, das lächelnde Weisheit und weiche Güte atmet. Sie sprechen aus den kleinen Augen hinter der goldenen Brille und spielen um den sprechenden Mund. Es ist etwas in ihm, zu dem man Grossvater sagen möchte. Aber nein, das stimmt nicht ganz: es spielt eher etwas Weibliches mit hinein. Deutlicher noch in den Händen. Sie sind klein, mager, mit welker, gerunzelter Haut und starken Gelenken. Sie haben etwas Mütterliches. Sie lassen an eine alte Frau denken, die zärtlich mit ihnen die Falten des Trotzes und der Sorge auf der Stirn eines stürmischen jungen Menschen glättet, während sie auch so wissend und gütig lächelt. Zart und behutsam glättet. Man denkt an die Bilder, die diese Hände gemalt haben, und die so wundervoll zu ihnen passen. So zu ihnen passen, wie .... Ich habe einmal Menzel im Museum zeichnen sehen. Seine fabelhaft festen kleinen Hände sind stählern und sicher wie sein Blick. Sie funktionieren wie Schraubstöcke, wenn sie Skizzenbuch und Stift handhaben. Sie sind sachlich und präzis wie eine Maschine. Und so sachlich und präzis wie sie. sind diese subtil gefassten Realitäten, die sie schaffen. Wie die Werke Menzels zu seinen Händen, so passen die Werke Israels zu denen dieses anderen greisen kleinen grossen Meisters. Sie werden vor einem lebendig, diese dämmerigen Zimmer am einsamen Wege mit den armen stillen traurigen Menschen, Man sieht die verschlingenden Farben und die behutsamen, empfindungsvollen Striche, mit denen sie gemalt sind. Aus einem weichen, weiblichen Mitleiden mit diesen Menschen heraus. Ans einer tiefen Empfindung für alles Sanfte und Poetische der Dämmerungen. Und dann sieht man wieder die Augen, die noch mehr haben, als all dieses. Sie lassen uns den Mann denken, wie er still für sich in dem heiligen Buch liest und forscht. Er liest das grosse Werk seines Volkes „in hebräisch".

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