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Ost und West · 1902-05-01 · Heft 5 (Mai 1902) · p. Seite 347 - 348

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 5 (Mai 1902)
Article
Zwischen Vater und Mutter
Date
1902-05-01
Page
Seite 347 - 348 (sequence 3)
Language
German
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347 H. D. Naumberg: Zwischen Vater und Mutter. 348 In Wahrheit — philosophiert er, da er allein in der Stube zurückbleibt — wozu muss die Mutter Hochzeit machen und eine solche Verwirrung anrichten? Er erinnert sich, dass in letzter Zeit die Mutter einmal beim Vetter Jeruchem über das Geschäft geklagt hat: Dass der christliche Laden alle Kundschaft an sich zieht. Und der Vetter Jeruchem hat sehr schwer aufgeseufzt und gesagt: „Es sind bittere Zeiten, Gott soll sich, unser erbarmen!" Und Jizchak meint jetzt, dass die Mutter Hochzeit mache, um zu Erwerb zu kommen. Allerdings, er wundert sich, wie aus einer Hochzeit Geschäft und Erwerb herauskommen kann. Wieso dann die Zeiten nicht bitter sein werden? Aber wenn's nicht so wäre, würde doch die Mutter nicht Hochzeit machen? Wozu denn? Die Mutter kommt wieder herein aus der Küche, eine Platte Fische auf den Händen tragend, und Jizchak fühlt etwas wie Mitleid mit ihr, der das christliche Gewölbe die ganze Kundschaft wegnimmt, die so bittere Zeiten hat und Hochzeit machen muss. Seine Augen füllen sich mit Thränen. Die Mutter setzt sich und ruft ihm zu: „Jizchak!" Der Mutter Stimme ist wie alles ringsum gar nicht wie sonst. Sie klingt fremd in die Ohren des Kindes, wie ein Widerhall. Jizchak thut das erstemal, als hörte er nicht und beschäftigt sich damit, Fliegen auf den Fensterscheiben jzu haschen. ,.Jizchak! Die Mutter ruft ihn und er steht! Was ist das?" sagt die Mutter Vorwurfs voll. Jizchak geht auf sie zu und bleibt vor ihr stehen. Er weiss nicht, was er mit seinen Händen machen soll, wo man sie eigentlich zu halten hat. „Du weisst, wohin Du fährst?" Jizchak antwortet nicht. „Ich frage doch Dich! Warum antwortest Du nicht? Weisst Du, wohin Du fährst?" Jizchak senkt die Augen noch tiefer. Die Mutter wird böse: „Ich frage doch Dich, Du Range! Hat man so 'was gesehen? Warum antwortest Du nicht?" Jizchak fängt plötzlich an zu weinen, die Mutter geht böse aus der Stube heraus mit einem zornigen: „Na wart5!" Der Knabe bleibt allein zurück. Er hat nichts zu thun. Fliegen giebt es, wie ihm zum Trotze, keine mehr auf den Fensterscheiben, und in die Küche hat er Furcht zu gehen. Die letzte Stube, wo die Betten stehen, ist versperrt. Und dann hat ihm ja die Mutter nicht befohlen, dorthin zu gehen. Er fühlt sich von allen Seiten eingeschlossen . . . Wann wird endlich Mendel Socher kommen? Er nimmt seinen neuen Ueberrock aus der Truhe und thut ihn an, geht zum Spiegel, verzieht sein Gesicht, droht mit dem Finger in den Spiegel hinein: „Du wilder Range, Du wilder Range! Er weiss nicht, was mit ihm geschieht. Ich werde Dir bald zeigen! Mäh ... äh . Die Dienstmagd, ein flinkes Mädchen, das sehr schöne Lieder singen kann, geht durch die Stube. Jizchak wollte sie bitten, sie möge ihm ein Lied singen, doch das Mädchen hat Eile. Beim Durchgehen aber sieht sie auf dem eben geputzten Spiegel Flecken, die von Jizchak's Fingern herrühren. Sie giebt ihm einen Puff: „Dass Dich der Kukuk hole!" schreit sie. „Wann wird man Dich endlich loswerden?" Jizchak wird böse und antwortet: „Du schlechtes Ding Du! Sie meint, ich weiss nicht, dass ..." Aber er weiss wirklich nicht, was das Mädchen gethan haben und weswegen er sie schelten könnte. Er blickt sie nur wütend an.r Das Mädchen giebt ihm einen zweiten Puff. Jizchak läuft auf sie zu, erfasst ihre Hände und beisst drauf los. Das Mädchen schreit laut auf. Sofort stürzt die Mutter herein, während die Aushelferin in der Thüre stehen bleibt, eine halb geschabte Möhre in der Hand. Die Mutter sagt leise, aber mit zornbebender Stimme: „Bewahre uns vor solchen Kindern, Gott im Himmel'/ Und der „Gott im Himmel" legt sich schwer auf das Herz des Kindes. Eine tiefe Trauer kommt über ihn. So setzt er sich still zu Tische . . . III. Von der Küche her hört man, wie eine energische Hand die Thür öffnet. Mendel Socher's kraftvolle Stimme dringt durch beide Stuben: „Na, wo ist er denn? Schnell, schnell!" „Da, da", schreit Jizchak und springt von seinem Platze auf. Aber keiner beachtet ihn. Mendel Socher hat grosse Eile. Die Mutter ruft ihn auf die Seite und redet leise in ihn hinein. Mendel begleitet ihre Worte mit hastigem Nicken: „Ja,ja!", und bei jedem Nicken zittert sein schwarzer Bart mit. Genau so wie Vaters Bart, denkt Jizchak, aber in Vaters Bart giebt es eine Menge graue Haare. . . . Die Mutter reicht Mendel ein kleines Bündel Wäsche. Jizchak stopft sie zwei Lebkuchen in die Tasche und beugt sich über ihn, um ihn zu küssen. . . . Durch Jizchak's Körper geht ein Schauer. Es ist ihm, als drehte sich ihm das Herz im Leibe. Er drückt die Arme fest an den Leib, als wollte er sich vor irgend etwas schützen. Die Mutter sieht ihn böse an. Etwas Feindseliges blitzt aus ihren Augen. . . . „Nun fahr wohl und bleib' gesund!" Wieder ist es Jizchak, als zerrte etwas an seinem Herzen. Er stürzt sich auf Mutters Hände, macht die Augen zu und küsst sie lange und mit ganzer Inbrunst: „Bleib gesund, Mamischi!" . . . In der Thüre möchte er sich noch einmal umdrehen und einen Blick auf die Mutter werfen. Aber er hat zu grosse Angst. Da er den Wagen vor der Thür erblickt, seufzt er tief auf und thut dann einen Atemzug aus voller Brust. . . . Während er noch dabei ist aufzusitzen, treibt schon der Fuhrmann das Pferd vorwärts. Und die Häuser beginnen an ihm vorüberzuziehen. Jizchak, der neben Mendel Socher sitzt, kehrt sich noch einmal um. Er sieht, wie Chajim Schammes in ihr Haus geht, und stellt Vermutungen an, weswegen der kommen könnte. Bald endet die Gasse und die Chaussee beginnt. Die Felder mit den kurz abgeschnittenen Halmen eilen an ihnen vorüber. Jetzt nähern sie sich dem Friedhof. Jizchak sendet suchend seine Blicke hinüber. Er möchte deD Ort finden, wo sein junges Brüderchen liegt im weissen Hemdchen und zugedeckt mit Erde. Wie er Brüderchens Grab sucht, steigen vor seinen Augen ganze Reihen von Gräbern auf. Auf sein Herz legt sich eine tiefe Trauer. Seine Augen schliessen sich, und in seinem Geiste ersteht Stück für Stück ein Bild: Auf einem weiten, breiten Felde liegen Menschen in Reihen nebeneinander, ruhig wie Soldaten: Sie halten die Hände an den Beinen, als wäre das Kommando: „Nicht gerührt!;i Er aber, Jizchak, ist ein Offizier und kommandiert mit lauter, lauter Stimme. Alle Hände erheben sich. Weit und breit sieht man nichts als ausgestreckte Arme, die lange Linien bilden..... Dann kommt ein Weib

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