Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Zwischen Vater und Mutter
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 345 - 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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345 H. D. Naumberg: Zwischen Vater und Mutter. 346 solle, hatte ihn die Aushelferin nur mit einem ganz merkwürdigen Blick gemustert. Dann hatte sie einige Worte mit der Mutter gewechselt, auf polnisch, damit der Kleine sie nicht verstünde. Bald darauf schickte die Mutter die Dienstmagd zu Mendel Socher, dem Fuhrmann, sie solle fragen, wann er heute fahre. Und als das Mädchen mit der Antwort zurückkam, dass er zur „Fünfer-Bahn" fahren werde, hatte die Mutter zu Jizchak gesagt: „Es ist noch Zeit, geh' zum Cheder." Sehr, sehr traurig war er fortgegangen. Er bildete sich ein, die Mutter müsse Hochzeit machen. Aber bestimmt wusste er es doch nicht. Noch mehr erregte es seine Verwunderung, dass die Mutter gesagt hatte: „Es ist noch Zeit." . . . Unruhig und aufgeregt sitzt er im Cheder, und die Zeit dehnt sich ihm ohne Ende. Der Lehrer glaubt ihm, als er sagt, er müsse früher heim. Er heisst ihn nur noch bis zum Ende des Abschnittes weiter lesen. Jizchak nimmt seine ganze Willenskraft zusammen. Er strengt seinen Kopf an, und es gelingt. Er -verliert und vergisst sich im Talmud. Doch plötzlich unterbricht ihn der Lehrer: „Jizchak, sollst Deiner Mutter sagen, dass sie mir noch für diesen Monat bezahlen soll. Wie viel Tage haben wir noch? Chane, zeige mir einmal den Kalender!" Chane tritt näher zum Tisch, rückt ihr Kopftuch zurück und beginnt zu schelten: „Siehst Du! Chaweh, .wer kennt sie nicht? Laufen wird sie, Dich zu bezahlen! Natürlich, plag1 Dich noch umsonst mit den Jungens. Ohne Lohn braucht man mit den Rangen zu lernen! Ein neues seidenes Kleid muss sie zur Hochzeit haben! Laufen wird sie, Dich zu bezahlen!* ... Sie schilt und keift, ohne innezuhalten, und wirft dabei die Arme, als wollte sie alle Flüche aus dem Aermel herausschütteln auf des armen Jizchak Haupt. Jizchak aber, der nun schon ganz sicher weiss, dass die Mutter Hochzeit machen wird, ist noch erregter geworden. Der Mutter Hochzeit, die Fahrt zum Vater, des Lehrers Weib mit ihren bösen Scheltworten, haben in ihm einen Sturm von Gefühlen wachgerufen. Um alles in der Welt möchte er schon zur Thür hinaus sein. Er sitzt nur noch mit einem Bein auf seinem Sessel und schaut den Rebbe halb fragend, halb bittend an. Aber der will von seinem Weibe Ruh' bekommen und heisst den Jungen mit der Lektion fortfahren. Wieder quält sich Jizchak, den Gedankengang des Talmud zu verstehen und in sich aufzunehmen. Aber der Kopf folgt nicht mehr, und sein Herz schlägt schneller und schneller. Plötzlich — muss er weinen. Die andern Jungen schauen sich verwundert an. In der Stube wird's stille, man hört nur das Tick-Tack der Uhr, der Rebbezin ist ein Schimpfwort im Halse stecken geblieben. „Wein' nicht, mein Kind", sagt der Lehrer, „wein' nicht, in Warschau giebts gute Lehrer, wirst Dich ordentlich aufführen. . . . Na, geh jetzt nach Haus, und vergiss nicht der Mutter zu sagen, dass mir noch Geld kommt für den Monat." . . . Sein Weib brummt noch irgend etwas, aber Jizchak hört schon längst nichts mehr. Mit zwei Sätzen ist er zur Thür hinaus, und schon hat er sich mit dem Aermel die Thränen fortgewischt. Draussen ist ein wundervoller Sommermorgen.1 Wie von selbst heben sich die Füsse, um zu laufen. Sein volles Herz möchte sich befreien von der grossen Sache, die es erfüllt. Von Weitem sieht er Schmuelke, einen dreizehnjährigen Jungen. Er läuft ihm nach und schreit ihm aus voller Kraft zu: „Schmuelke, Schmuelke, weisst Du, meine Mutter macht Hochzeit!" Doch er erschrickt vor seinen eigenen Worten und schämt sich vor sich selbst. Schmuelke fragt ihn, ob man auch Lebkuchen backen wird. Jizchak antwortet: „Ich weiss nicht". Aber Schmuelke sagt mit einem sichern Ausdruck in der Stimme: „Man bäckt, gewiss bäckt man, bring' mir, Jizchak'! Wart' ich will Dir auch wieder etwas geben." „Ich fahre nach Warschau" antwortet Jizchak mit einer guten Portion Stolz. Er möchte gerne Schmuelke schon wieder los werden und stürmt davon, aber Schmuelke lässt nicht von ihm. „Lass mich in Ruh'", schreit Jizchak, „er glaubt, jeder ist so diebisch wie er!" Schmuelke versetzt ihm einen Fusstritt und läuft fort. Hinkend kommt Jizchak heim. II. Die Küche ist erfüllt vom Dufte der verschiedensten Sabbatgerichte. Auf dem Herde stehen grosse Töpfe. Auf der Fischpfanne bilden sich jeden Augenblick grosse Blasen. Das Feuer prasselt. Die Mutter, im wollenen Kleide, mit der Sabbatperrücke und einer neuen weissen Schürze steht in der Thür und spricht dort mit der Aushelferin wegen gerösteter Aepfel. Da erblickt sie Jizchak. „Was kommst Du so früh?-4 Jizchak erinnert sich, dass er dem Lehrer eine Unwahrheit gesagt hat und weiss nichts zu antworten. Auf die Mutter zutreten, ihre Hand fassen und „Guten Morgen" sagen, kann er nicht. Die Aushelferin schaut ihn scharf an und sagt dann der Mutter etwas auf polnisch. Die Mutter antwortet. Beide blicken ihn an. Die Aushelferin verzieht ihr gerunzeltes Gesicht, und Jizchak weiss nicht, ob sie lächeln oder etwas anderes ausdrücken will. Er steht immer noch auf seinem Platz und hat Angst, sich zu rühren. So ungefähr, als befände er sich bei seinem Vetter Jeruchem im grossen Saale, wo alles so schön und reich ist. Und doch könnte er dort keinen Schritt thun, wenn ihn nicht seines Vetters Kinder führten. Das Frühstück, ein ganz gewöhnliches Wochentagsfrühstück, isst er in der zweiten Stube und ist dabei sehr unruhig. Er lässt kein Auge von der Thür und hat Angst, die Mutter könnte hereintreten, gerade während er mitten im Essen hielte. Und er würde dann nicht antworten können. Darum macht er ganz kleine Bissen. Ganz merkwürdig: Es ist ihm, als wäre das Frühstück kein Frühstück, die Stube keine Stube, die Mutter keine Mutter. Die Mutter tritt ein. Jizchak stockt der Atem. Die Mutter tritt auf ihn zu und setzt sich neben ihn. Jizchak wird ganz erregt. Es schwindelt ihm vor den Augen. Das Weissbrot fällt ihm aus der Hand. Er hascht danach, doch er macht dabei eine so ungestüme Bewegung, dass sein Bänkchen umstürzt und auch er hinfällt — halb unabsichtlich, halb willig, weil er fühlt, dass es für ihn nicht möglich sei, auf einem Orte stehen zu bleiben. Die Mutter schreit: „Du wilder Range! Weiss er, was mit ihm geschieht?" Jizchak hebt das Bänkchen auf und denkt bei sich: Die Mutter hat wirklich Recht. Er weiss wahrhaftig nicht, was mit ihm geschieht. Doch daran ist nicht er schuld, sondern die Mutter selbst: wozu hat sie denn Hochzeit?