Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 329 - 330 (sequence 4)
- Language
- German
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329 Dr. Franz Oppenheim er: Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus. 330 von abhängigem Besitzrecht: dann bildete sich ein vierter Stand zwischen der vollen Freiheit und der vollen Sklaverei, germanisch die Lassen oder Liten. — Oder schliesslich, die Klassen verschmolzen gänzlich miteinder, Adel mit Adel, Freie mit Freien, Sklaven mit Sklaven: ein Mischvolk entstand. Das letztere scheint in Kanaan die Regel gewesen zu sein; denn wir wissen von zahlreichen Ehebündnissen mit der durch Beschneidung dem Volke der Eroberer ange-. gliederten Urbevölkerung, und wir wissen von keinem vierten Stande. Heviten in Gibea. Jedenfalls aber entstand hier ein Grossgrundeigentum, und zwar erst sozusagen naiv, ohne eine Kenntnis von seinen Vorteilen für die einen, wenigen, und seinen Nachteilen für die vielen. Es gifebt viel Land und wenig Menschen, und darum hat Grund und Boden noch keinen „Wert". Und so haben die Gemeinden nichts einzuwenden, wenn die reichen Vieh- und Sklavenbesitzer, die Fürsten der Stammhäuser, sich aus dem gemeinsamen Landbesitz grössere Stücke herausschneiden, auf denen sie ihre eigene Halle erbauen und ihre Sklaven ansiedeln, die ja nach dem Volksrecht nicht eigentumsfähig sind. Caleb in Hebron, Söhne Jair. Aber es zeigte sich bald, dass hier der Keim der stärksten Klassenverschiedenheiten, der gewaltigsten sozialen Umwälzungen gelegt war. Denn Grossgrundeigentum ist ungleich dauerhafter als Grossherdeneigentum. Selbst der grösste Viehstand eines Nomadenfürsten kann durch einen glücklichen Feind oder eine verheerende Seuche fast im Augenblicke vernichtet werden: noch in unseren Tagen ist der reichste Mann der schwedischen Lappen, der letzten nomadischen Bevölkerung Europas, der „Renntierkönig" Grahus, so völlig verarmt, dass er jetzt der Arraenverwaltung'.zur Last liegt. Grund und Boden aber ist unzerstörbar; er gewinnt an AVert in dem Maasse, wie die Bevölkerung wächst, und verleiht damit steigende Macht über Güter und Menschen. Bald wird der Grossgrundbesitzer, gestützt auf die bewaffnete Hausmacht seiner Hörigen und Klienten, mächtiger als die freie Gemeinde, und dann setzt die Klassenbildung mit verzehnfachter Kraft ein. Palästina ist ein kleines Gebiet, das naturgemäss nur einer verhältnismässig kleinen Anzahl von selbständigen Bauern Raum giebt, namentlich solange der Anbau auf einer primitiven Stufe steht. Es war bald randvoll gefüllt, und nun musste der Bauernstand reissend sinken, da der starke Nachwuchs auf der väterlichen Scholle keinen Platz fand. Es entstand ein landloses Proletariat auf der einen, eine ebenso proletarische Schicht von Zwergbauern auf der anderen Seite. Damit wuchs die Macht der grossen Besitzer um so mehr, da sie für ihre Wirtschaft billige Arbeitskräfte erhielten. Zum ersten Male zog ein Israelit „Mehrwert" von freien Stammesgenossen: die unaufhörlichen Feldzüge, bei denen der freie Bauer als Heerbann die Hauptlast zu tragen hatte, ruinierten ihn vollends, ganz wie in Athen, Rom und dem karolingischen Deutschland, da sein Gut unbestellt in der Brache blieb, während die Wirtschaft des Reichen durch seine Sklavenscharen ungestört weiter betrieben wurde, und er als Offizier sich für etwaige Kriegsschäden in einem ganz anderen Maasse an der Beute schadlos halten konnte, als der gemeine Mann. Diese Dinge entwickelten sich in der Richterzeit ganz allmählich zu immer gespannteren Verhältnissen, um in der Königszeit zu explodieren. Noch Saul ist ein echter „Volkskönig", als Diktator in Kriegswirren gewählt, um seines Volkes Kraft geschlossen zu lenken; wie Cincinatus geht er hinter dem Pfluge, wenn die Waffen ruhen: „Und Saul kam hinter den Rindern her vom Felde", erzählt das erste Buch Samuel (V. Kapitel Vers 5). Aber schon Saul in seiner späteren Zeit erliegt dem Machtrausch aller orientalischen Despoten, dem Cäsarenwahnsinn, und von David an nimmt der Sultanismus immer krassere Formen an, in genauer Parallelität mit der Verarmung der Volksmasse und der Erhebung der reichen Grundbesitzerklasse, mit der er, wie in allen Monarchien, das Hofbeamtentum zu einem neuen Adel verschmilzt. Franz Buhl in seinem ausgezeichneten We rächen „Die sozialen Verhältnisse der Israeliten" fasst das Latifundiensystem als die Folge des ungleich verteilten Reichtums und des in den oberen Klassen grassierenden Luxus auf. Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Verhältnis umgekehrt werden muss. Die Latifundienbildung war die Ursache, und die Verarmung der Volksmassen einerseits wie der frevelhafte Luxus der Reichen andererseits war die Folge. „Wehe denen, die da rücken Haus an Haus, Feld an Feld fügen, bis kein Platz mehr ist, und ihr allein Bewohner bleibet im Lande!" So klagte Jesaja (Kapitel V, 8), und so klagte wenige Jahrhunderte darauf Demosthenes über Attika: