Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 327 - 328 (sequence 3)
- Language
- German
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327 Dr. Franz Oppenheimer: Die Anfänge des jüdischen Kapitalismus. 328 und ihrer Unterfamilien, germanisch die Edelinge, die direkten Nachkommen der ältesten Patriarchen, das ist die oberste Klasse. Sie galten allen Völkern, die nicht monotheistisch sind, als Abkömmlinge der Stammesgötter, und sind es auch, so seltsam es klingen mag, in Wirklichkeit. Denn überall ist der vergöttlichte Geist eines Ahnen, der mit göttlichen Ehren angebetet wird, der erste Keim einer entfalteten Religion. Die zweite Klasse bildet das „Volk", in germanischer Sprache die Gemeinfreien oder Vollfreien, die Heeresversammlung. Und die dritte Klasse bilden die Knechte, oder Hörigen oder Sklaven, die politisch rechtlosen eigentumsunfähigen „Famuli", die mit den leiblichen Kindern und Frauen zusammen die „Familia" des Patriarchen ausmachen. Schon bei der Heraushebung der Herrenklasse aus der ursprünglich allgemeinen Gleichheit der Volksgenossen hat das Vermögen, und zuweilen entscheidend, mitgewirkt. Der Reiche ist bei vielen solchen Stämmen, z. B. den Kelten, auch ohne weiteres der Edeling. Und das ist wohl begreiflich, denn Reichtum ist schon hier Macht. Wer Reichtum besitzt, kann Sklaven kaufen, die seine Herden weiden und bewachen, und ist somit besser als der Arme gegen Raubtiere und menschliche Feinde gesichert und kann mehr Vieh halten. Wer Reichtum hat, kann Flüchtlinge aus anderen Stämmen, abgesplitterte Reste vernichteter oder versprengter Gemeinschaften an seinem Herde aufnehmen, dass sie ihm als Krieger und Beamte dienen. Und wer Reichtum besitzt, kann die eigenen Stammesgenossen durch Darlehen an Vieh in Abhängigkeit oder Schuldknechtschaft bringen, wenn ein grosses Sterben oder eine Dürre ihre Herde vernichtet hat. Feod, das Stammwort von Feudal, heisst: Vieheigentum, und thatsächlich war das erste Lehen, für dessen Empfang sich ein Freier in die Abhängigkeit eines anderen Freien begab, ein Darlehen an Vieh. Solche Schulclverhältnisse zwischen den Söhnen desselben Blutes mit Erhebung des Reicheren und sozialer Herabdrückung des Aermeren sind wir berechtigt, auch bei den alten Israeliten vorauszusetzen, zumal uns aus der späteren Zeit Fälle genug überliefert sind von harten Gläubigern, d^e denen von Rom und Athen nichts nachgaben. Hier liegen die ersten Anfänge des jüdischen Kapitalismus, und sie finden ihr modernes Analogon in der harten Ausbeutung jüdischer Proletarier durch jüdische Kapitalisten, wie sie die Schwitzhöllen der Schneiderwerkstätten in New York und London und die Grossfabriken in Russisch-Polen aufweisen. ( Jene Erhebung einer adligen Oberschicht über die Masse der Gemeinfreien hatte aber noch andere und nicht minder wichtige Gründe, als nur die Herausbildung von Vermögensverschiedenheiten, wie sie Glück, Geschick —- man denke an die Künste Jakobs in Haran — und kriegerische Tapferkeit erzeugten. Von gleicher Wichtigkeit war die Vererbung der Patriarchenwürde im direkten Mannesstamme an denjenigen echten, d. h. mit einer gleichbürtigen Frau gezeugten Sohn, dem der Vater mit seinem Segen seine Macht übergab; und diese Macht wurde wieder gestützt und erhalten durch ihre Verbindung mit dem Hohenpriestertum des Nomadismus. Denn nur der bestimmte Nachfolger erfährt alle Kultweisheit, ihm allein werden die geheimen Methoden Übermacht, wie der Gott des Stammes geehrt werden will, wie man ihn erfreut, und wie man es vermeidet, seinen Zorn zu erregen. . Das Tabu liegt auf seinem Amte, und viel zu naturgebunden, viel zu abergläubisch sind diese Kinder einer starken und wilden Natur, als dass sie es wagen sollten, an dem Träger des Amtes zu tasten, selbst wenn er es missbraucht. Und es ist überall missbraucht worden, wie das nur menschlich ist. Ueberall hat es dazu gedient, die Machthaber höher zu heben und die Gemeinde tiefer zu pressen; und, um das vorwegzunehmen, nur diejenigen Völker haben die Menschheit weiter gebracht, denen es gelang, die politische Gewalt von der geistlichen zu trennen. Dem Gegensatz von Prophetentum und Königtum verdankt Israel die wichtigsten seiner Fortschritte, wie Europa nur deswegen voran kommen konnte, weil das Volk in den Kämpfen zwischen Kaisertum und Papsttum aus seinem dumpfen Aberglauben gerissen wurde. In dieser Dreigliederung kamen alle Nomadenstämme, zur Sesshaftigkeit. Und jetzt kam es darauf an, in was für ein Land sie eindrangen, ob es leer oder von Ackerbauern besetzt war. War es leer, leer gemordet oder von den Ureinwohnern verlassen, so blieb die alte Klassenschichtung zunächst bestehen. War es aber besetzt, so konnte sich je nachdem ein vierter Stand eingliedern oder nicht. Entweder nämlich wurden die ansässigen Ackerbauer versklavt, dann verschmolzen sie sofort mit der Schicht der jetzt zum Teil angesiedelten ehemaligen Weidesklaven; oder man liess ihnen eine Art