Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Die Ausländerfrage in Deutschland
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 309 - 310 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583896-2585483--01631-2585546- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■i09 Fabius Schach: Die Ausländerfrage in Deutschland. mehr deutsch als die Buren und die Holländer. Sie verstehen unsere Sprache, und auch wir verstellen sie, denn sie sprechen ja deutsch, ein schlechtes, verdorbenes, aber doch deutsch. Ja, sie waren Jahrhunderte hindurch die Hüter der deutschen Kultur in den slavischen Ländern, sie haben das Deutsch als teuere Tradition von Generation auf Generation bewahrt. Wenn diese Sprache etwas verwahrlost wurde, so ist das ihre Schuld wahrlich nicht. Das Wort von der Gefahr dieser Leute kommt einem wie ein Hohn, vor. Wenn sie gefährlich sind, was soll man dann von den Italienern im Süden und von den Polen im Osten des Reiches sagen? Diese Leute treiben keine Politik, trinken und raufen nicht, sie führen meistens ein streng sittliches und friedliches Lehen und thun niemand etwas zu Leid. Aber — die Antisemiten reden von einer brennenden Ausländerfrage, und mancher deutsche Jude spricht ihnen dies gedankenlos nach. Psychologisch ist diese Abneigung gegen die Aermsten der Armen als Furcht zu verstehen. Viele deutsche Juden fürchten, ihre Lage in Deutschland könnte durch diese Elemente schlechter werden. Das ist ein Irrtum. Deutschland, das seine Söhne nach allen Weltteilen schickt, muss gastfreundlich gegen die Ausländer sein. So wird jeder gerechte Deutsche denken. Den Antisemiten aber werden wir es nie recht machen. Das Schiefe fängt schon an, wenn wir ihr von Hass diktiertes Urteil zur Norm unserer Handlungen machen. Manche Juden wTolien einfach nicht durch diese Elemente an ihr Judentum erinnert werden. Einer hat eben das hohe Glück erlangt, dass ein verschuldeter Leutnant ihm in Anbetracht der klingenden Umstände das Judentum verzieh, ja, er ist sogar so vorurteilsfrei, die Tochter mit der halben Million mitheiraten zu wollen. Und nun kommt so ein polnischer Jude, und — die ganze Illusion schwindet. Der andere ist ausnahmsweise Mitglied eines vornehmen Klubs geworden. Sein adliger Nachbar vergisst nie, wenn er von Juden spricht, galant hinzuzufügen: „Sie, Herr Kommerzienrat, machen natürlich eine Ausnahme, Sie sind ja gar kein Jude!" Und nun erscheint so einer im Kaftan, und die Poesie ist dahin. Ja, diese Opfer, die man seinem Judentum bringen, muss, schrecklich!..... Ach, wenn unsere Vorfahren, die Leben und Gut für ihre Gesamtheit opferten, heute vom Grabe aufständen, wie kleinlich kämen wir ihnen mit all unseren Leiden und Opfern vor! Gewiss, auch diese Mussjuden mit ihrer kleinlichen Angst und ihrer sklavischen Thorheit begreift man psychologisch. Aber stolz sind wir auf diese Jammergestalten nicht. Nur in der Not zeigt sich der wahre Charakter, und wer wirklich eine Würde hat, der bekunde sie in seinem Schmerze. Wer einen wegen seiner Geburt hasst und verachtet, ist und bleibt ein trauriges Subjekt. II. Wie bei den niedrigen Organismen, so ist es bei den niedrigen Gedanken: sie vermehren sich, wrenn sie sich spalten. Von der allgemeinen Ausländerfrage hat sich in den letzten zwei Jahren ein besonderer Zweig entwickelt: die Frage der Ausländer an den deutsehen Hochschulen. Diese Frage ist im Grunde wiederum eine Judenfrage in verschämter Gestalt. Zunächst ist die Zahl der jüdischen Ausländer die weit grösste unter allen andern JOZEF ISRAELS. Kinder des Meeres.