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Ost und West · 1902-05-01 · Heft 5 (Mai 1902) · p. Seite 311 - 312

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 5 (Mai 1902)
Article
Die Ausländerfrage in Deutschland
Date
1902-05-01
Page
Seite 311 - 312 (sequence 4)
Language
German
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311 Fabius Schach: Die Ausländerfrage in Deutschland. 312 Ausländern. Unter 100 Ausländern an den deutschen polytechnischen Hochschulen sind ungefähr 75 russische Unterthanen und von diesen 75 sind mindestens 60 Juden. Es kommt aber noch ein Moment von grösser Bedeutung hinzu: Während die andern Ausländer nach Deutschland kommen, um sich hier in ihren Studien zu vervollkommnen, weil die von ihnen gewählten Fächer in ihrem Yaterlande noch nicht auf der Höhe stehen, pilgern die jüdischen Studenten Russlands über die Grenze, weil man ihnen in ihrer Heimat ihres Glaubens wegen die Pforten der Wissenschaft geschlossen hat. Für die erste Kategorie ist das Studieren an den deutschen Hochschulen ein Luxus, für die zweite eine bitterernste Lebensfrage. Die ersten werden daher behandelt wie Gäste, die man zum Vergnügen einladet, die letzten wie Hungernde, die man aus Mitleid an seinem Tische duldet. Das mag wiederum begreiflich sein, aber vornehm ist es nicht. Diese jüdischen jungen Leute suchen, von ihrem Wissensdrang getrieben, in Deutschland ihre letzte Zuflucht. Sie wollen aus den Quellen deutscher Forschung schöpfen, um sich nachher in ihrer Heimat eine Existenz zu gründen. Man sollte ihnen daher den kurzen Aufenthalt in Deutschland möglichst angenehm machen. Sie können nachher die besten Träger der deutschen Kultur in ihrem Vaterlande wrerden, denn sie haben Deutschland das Höchste zu verdanken, ihre Bildung. Es ist daher klug und vornehm, wenn man ihnen Liebe erweist und keine Bitterkeit in ihnen hervorruft. Welche Gefahr droht uns denn? Die deutschen Hochschulen haben vorläufig noch Platz genug übrig. Diese Studierenden aus dem Osten werden die Söhne Deutschlands nicht slavisieren, denn sie sind nichts weniger als slavisch. Sie stehen ihrer ganzen Anlage nach dem deutschen Wesen näher als dem slavischen. Ist ihr Benehmen etwa unsittlich oder anstössig? Niemand wird diese Frage bejahen dürfen. Man findet sie nie auf dem Fechtboden, sehr selten in den Kneipen, wohl aber sind sie die ersten in den Laboratorien und Zeichensälen. Das ist auch begreiflich, denn wer ins fremde Land geht, um unter schwierigen Verhältnissen zu studieren, der bringt eine Begeisterung für die Wissenschaft und einen hohen Idealismus mit. Thatsächlich findet man diese Studenten in allen Vorträgen und Versammlungen, und sie verschlingen alles mit einem Heisshunger, der den an Kultur übersättigten Westeuropäern fremd geworden ist. Und wie leben diese jungen Leute! Der Durchschnitt hat nicht mehr als 60—70Mark monatlich zu verzehren, ich kenne aber viele, die mit 40 Mark monatlich leben und dabei einen eisernen Fleiss und eine erstaunliche Arbeitskraft entfalten. Wenn sie in ihren Manieren vielleicht nicht kavaliermässig sind und in ihrer Kleidung nicht dem Geschmack des Tages entsprechen, so soll man doch bedenken, dass man es mit Ausländern, ja meistens mit armen und gequälten Ausländern zu thun hat. Aber wir erziehen uns eine Konkurrenz. Dieses Argument mussten wir vor kurzem sogar aus nationalliberalem Munde im badischen Landtage hören. Man scheint gar nicht zu begreifen, wie unwürdig dieser kleinliche Gesichtspunkt ist. Die Wissenschaft ist nicht dazu da, um einer Klasse geschäftlich zu dienen. Sie ist ihrem Wesen nach international und Gemeingut der ganzen Kulturmenschheit. Giebt es denn heute überhaupt noch Geheimnisse in der Wissenschaft? Was die Elektrizität, die Chemie und die Maschinenbaukunde in den letzten Jahren Neues gefördert haben, ist in wissenschaftlichen Werken und Zeitschriften niedergelegt und für jeden Fachmann geniessbar. Und welches Recht hätte auch Deutschland, das eine Exportpolitik grossen Stils anstrebt, zu verlangen, dass das Ausland von ihm nur kaufen aber nie was lernen soll? Deutschland hat stets seinen Stolz darein gesetzt, allen Wissensdurstigen eine Zufluchtstä'te zu sein. Das ist nicht seine Schwäche, sondern sein Ruhm. England bietet den Opfern der Politik eine Heimat, wir thun Grösseres, wir bilden eine Freistatt der Wissenschaft, einen Weltmarkt der Bildung. Wer darin einen Fehler sieht, dem fehlt der Stolz der Wissenschaft. Freuen wir uns darüber, dass unsere Bauten und Kunstdenkmäler im Auslande Bewunderer und Nachahmer finden, dann müssen wir dem Auslande auch einen Einblick in unsere Technik gestatten. Die Nachahmer werden in der Technik ebensowenig wie in der Kunst und Wissenschaft so schnell das Original erreichen. Wir haben in den früheren Dezennien so viel von fremden Ländern gelernt. Warum sollen sie nicht jetzt von uns lernen? AVenn ein konservativer Abgeordneter in der badischen zweiten Kammer pathetisch ausruft „Die deutschen Hochschulen den Deutschen!" so ist das ebenso weise und gerecht wie der antisemitische Schlachtruf „Deutschland den Deutschen!" Man kann aber die Thore der Hochschulen ebensowenig wie die Grenzen des Reiches schliessen. Wir leben ja nicht in China, sondern in Deutschland und zwar nicht im Mittelalter, sondern am Anfang des XX. Jahrhunderts. Es scheint dieser chauvinistischen Politik das Verständnis zu fehlen für ein nobile officium eines grossen Kulturstaates, den Wissbegierigen fremder Länder seine Thore zu öffnen. Das ist der ideale Standpunkt, den die moderne liberale Weltanschauung einnehmen muss. Ich gebe aber zu, dass man auch praktische Momente geltend machen kann, dass manz. B. da, wo die Plätze nicht ausreichen, in erster Reihe die Inländer berücksichtigt. Wenn man, wie z. B. am Polytechnikum in München, von den ausländischen Studierenden höhere Gebühren nimmt, so ist das zwar nicht sehr vornehm, es darf aber nicht vergessen werden, dass der Staat jährlich

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