Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Die Ausländerfrage in Deutschland
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 2)
- Language
- German
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307 Fabius Schach: Die Ausländerfrage in Deutschland. 308 Toleranz und ihr Bürgertum entwickelte sich gemeinsam mit ihrem jüdischen Bewusstsein. Uns dagegen kam die antisemitische Reaktion zu früh, bevor unsere Weltanschauung noch abgeklärt war. Kaum einige Generationen nach dem Auszug aus dem Ghetto überraschte uns der künstlich heraufbeschworene mächtige Judenhass, und wir bedurften so sehr der Liebe, um die Wunden, die das Ghetto geschlagen hatte, zu heilen und an der neuen Freiheit zu gesunden. Wir hatten den Prozess der Verschmelzung des Deutschtums mit dem jüdischen Bewusstsein noch nicht gänzlich abgeschlossen, wir waren noch in der Gärung, — da kam der Antisemitismus und schüchterte uns ein und hemmte unser Kulturwerk. Wir hatten den glühenden Wunsch, Deutsche zu sein, und viele von uns glaubten wirklich, dass man es nur sein kann, wenn man sein Judentum aufgiebt. Erst später kam die Erkenntnis, die leider auch heute noch nicht Gemeingut aller deutschen Juden ist, dass wir als Deutsche nur dann moralisch existieren können, wenn wir uns offen und mutig als Juden bekennen. Ich wünschte, dass diese Erkenntnis in Deutschland noch viel populärer wTäre. Man begreift also ps3^chologisch diese Erscheinung, wie der Arzt die Krankheit, der Weise die Thorheit, der Seelenkenner die Verirrung, — traurig aber und beschämend bleibt sie doch. Und sie ist auch sehr gefährlich, denn nichts trägt so sehr dazu bei, uns verächtlich zu machen, als der Hinweis darauf, dass Mitglieder unserer Gesamtheit selbst die jüdische Ehre mit Füssen treten. Lächerlich und verächtlich zu scheinen, — das ist der grösste Fluch. Hassen dürfen sie uns und verfolgen, aber als mutige Kämpfer sollen sie uns finden und nicht als verächtliche Feiglinge. Am meisten zeigt sich diese Erscheinung bei der Beurteilung der ausländischen Juden, namentlich der des Ostens. Es giebt thatsächlich Juden, die jede Berührung mit den Glaubensgenossen des Ostens fürchten und für die der „polnische Jude" den Inbegriff des höchsten Absc heus bildet. Ja, in Süddeutschland fängt die „Polackei" schon in Berlin an, und viele süddeutsche Glaubensgenossen betrachten jeden Juden, der aus Norddeutschland kommt, als minderwertig. Nun, für diese ist die Abneigung nicht gerade angenehm, aber nicht gefährlich. Für die armen Ausgestossenen des Ostens aber ist diese unbegründete Aversion gefährlich in wirtschaftlicher und geistiger Beziehung. Denn sie bedürfen unserer Förderung, um sich eine soziale menschliche Existenz zu schaffen, und sie bedürfen unserer Liebe, um sich der deutschen Kultur anzupassen. Man nimmt ja immer gern die Kultur einer befreundeten, aber nicht einer verfeindeten Bevölkerung an. Wenn wir darüber Betrachtungen anstellen, ob uns der darbende christliche Weber in Schlesien oder der hungernde jüdische Ackerbauer in Südrussland näher steht, so sind das leere Reflexionen. Das instinktive Gpfühl ist stärker als die kalte Vernunft und es kommt bei jeder Katastrophe jäh zum Ausbruch. Wir sind einmal mit den Leuten jenseits der Grenze eines Blutes und wir haben eine lange Leidensgeschichte mit ihnen zusammen, das verbindet am meisten. Wir brauchen uns dieser Gefühle ebensowenig zu schämen, wie das deutsche Volk sich seiner wTarmen Sympathien für die tapferen Buren schämt. Aber selbst wenn wir bei jeder Hilfsaktion wägen und rechnen wollten, dann diktieren uns hier auch Vernunft und Ethik Pflichten gegen die Juden fremder Länder. Der kategorische Imperativ würde hier lauten: solange diese Menschen nur ihres Judentums wegen leiden, solange sich sonst niemand ihrer annimmt, haben wir als Juden und als Menschen die Pflicht, für sie einzutreten und ihnen unsere Hilfe angedeihen zu lassen. Doch, ich spreche hier gar nicht von den Juden in Russland, Galizien und Rumänien, sondern von den Flüchtlingen dieser Länder, die schon bei uns sind. Da dürfte es wohl für jeden deutschen Juden klar sein, dass es Pflicht ist, diesen verfolgten und gedrückten Leuten hier eine Existenz zu schaffen, um sie ihre früheren Leiden vergessen zu lassen. x\ber nein, da kommt die — Ausländerfrage und verwirrt die Köpfe. Ausländerfrage ist ein Wort, das der Antisemitismus geprägt hat und das leider auch bei uns Juden populär geworden ist. Was ist es mit dieser Frage? Es giebt in Deutschland kaum 10 000 ausländische Juden, und ihre Zahl verringert sich immer mehr — dafür sorgt schon die Polizei. Diese Leute kommen zu uns, um Brod zu suchen, nicht um uns eine fremde Kultur aufzudrängen. Sie sind froh, wenn sie oder wenigstens ihre Kinder etwas von der deutschen Kultur geniessen. Der Oeffentlichkeit und den Behörden fallen sie nie zur Last und auch uns Juden belästigen sie nicht über unsere Kräfte. Gewiss giebt es unter diesen bunt zusammengewürfelten Elementen auch verfehlte Existenzen, aber auch gar viele tüchtige und fleissige Handwerker. Es ist richtig, dass manchen unter ihnen der Hang zum Schnorren anhaftet, aber auch wir sind darein nicht ohne Schuld. Wir haben ihnen stets geholfen, wohl, um — sie los zu werden. Wir haben nicht daran gedacht, soziale Hilfe an, Stelle des traditionellen Almosengebens zu setzen. Wir züchteten so ein Schnorrergeschlecht. Jetzt gilt es, wieder gut zu machen und aus diesen Leuten durch Arbeit und Erziehungnützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft auszubilden. Das ist eine würdige und schöne Aufgabe. Und dann in kultureller Beziehung! Ich spreche es mit vollem Bewusstsein aus: diese jüdischen Proletarier des Ostens sind meistens