Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Jozef Israels
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 303 - 304 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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303 Dr. G. Kutna: Jozef Israels. 304 sich eingrabend in das übergequälte Gehirn, die andere ohnmächtig geballt auf der zerwühlten Decke, die Augen stierenin wirrer Angst ins Leere. So wendet er sich ab von der Welt zu seinen eigenen dunklen Gewalten, und hinter ihm der Speer. Ein Bild grauenvoller Seelennot. Aber das ist nichf alles. Dazwischen spinnen sich leise Fäden, und ein Liebesfrühling keimt auf, schüchtern, heimlich, inmitten des Grauens und der Starre. An der Seite Sauls ist die Tochter, sie sitzt bei ihm, und doch ist sie nicht sein. Dort drüben ist derHirtenknabe, schlank, jung und spielend im Licht. Er spielt hinaus in die weite Welt, die Jugend, die Hoffnung, die Liebe. Dem Vater klingt das alles nicht, aber der Tochter. Schmeichelnd zieht es sie hinüber, sie beugt sich nach vorn, dahin zu dem Sang, zu dem Jüngling. Und sie wird sich erheben, hinüber zu ihm, und draussen ist die Welt, und er wird ein König sein und sie eine Königin. — Von diesen altenZeitenzur Gegen wait. Israels geht in Amsterdam oder sonstwo über die Strasse, ein Jude sitzt vor seinem Trödelladen, Israels sieht ihn und malt einen „Sohn des alten Volkes". — Als der Mann sich da hinsetzte, dachte er an sein Geschäft und den alten Kram. Jetzt thut er's nicht mehr. Er verträumte sich und kam weit davon ab, nun sieht er etwas, das ihn fern hält. Es ist bescheiden Kleines, was er sieht, denn so weit können ihm seine Gedanken nicht folgen; hinter seinem engen Gesichtskreis verschwimmt ihm alles zu Nebel und Wundern. Aber aus diesen dumpfen Gedanken heraus schmollt er doch mit der Geschichte, dass sie ihn da hingesetzt hat, ihm solch kleine Interessen gegeben, ohne dass er weiss, wie. Und dann wird er wieder Vach werden, JOZEF ISRAELS. den Kram von der einen Seite auf die andere stellen, und morgen wieder so. Israels hat nicht immer gewusst, dass er, uns dies alles sagt, aber das braucht es nicht; er ist ein zu grosser Künstler, als dass er es wissen sollte. Was Israels davon bewusst ist? Er erzählt in seinem Buche „Spanien": Er geht in Tanger in die Umgegend hinaus, Natur und Leben zu besehen, er stösst auf ein entlegenes Haus, will dort eintreten, es zu besehen, wagt aber nicht, das künstlerische V erlangen zu befriedigen; „doch als ich da unentschlossen stand und nachdachte, hörte ich zu meinem grossen Erstaunen rufen: „Ma mewakschego?" in hebräischer Sprache, die ich kannte, es war eine schwere Männerstimme, die mich fragte: „Was suchtlhr hier?" Da trat ich ein und sagte meinerseits: „Salom adonai,salom aleichem anochi jehudi me'erez Hollande. " „Erez Hollande," rief er, „wo ist das, was bedeutet das?" Da sass hinter dem Tisch der jüdische Gesetzschreiber — — und wandte sein fürstliches Haupt mir zu; — — — und er humpelte mit mir nach dem offenen, flachen Dache, das auf gleichem Flur mit seinem Zimmer lag. Hier lagen Matten, worauf er sich niederliess. — — So sitzend, das fremde Land vor mir, neben mir den langbärtigen Alten, auf den Matten des flachen Daches in Marokko, überkam mich das Gefühl, als ob ich in diesem Augenblicke in einer Welt lebte, von der ich einmal geträumt hatte. Dann stand ich auf, um zu gehen. Der Alte legte seine Hände auf mein Haupt, und mit einem jeworech'cho adonai wejischm'recho (der Herr segne und behüte Euch) schieden wir von einander." Kindheit.