Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Jozef Israels
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 299 - 300 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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299 Dr. G. Kutna: Jozef Israels. 300 jozl*" Israels. Am Grabe der Mutter. Handlung, und ihr tieferes, wirkliches Selbst weile bei denen, für die sie geschieht Und die Kinder sitzen dabei und helfen und spielen und träumen und ahnen. Alles Hauch, alles Duft, Liebesatem; es ist das Hohelied der Familie, das Israels singt: „Tief in unserm Volke wurzelt der Zauber der Familie". Eine junge Fischersfrau sitzt am Fenster und strickt. Links lauter Dammerschein, rechts Sonnenlicht, glutenlos, nur heiter und mild. Und dazwischen sitzt sie, gekost vom Spiele des Lichtes und Dämmertones. Schlichter kann das nicht komponiert sein, und dabei ist. es so reich, als erzählte dies nicht der Maler, sondern die Sonne selbst. Die Nadeln funkeln, das Häubchen schimmert, der Körper lebt, die Pulse schlagen, die Augen sinnen. So ist's recht, da sitzt sich's behaglich, ruhig ist's auch ringsum, und er wird bald kommen. So sitzt sie also und denkt an ihn und das Glück, an Gegenwart und Zukunft. Dann sehen wir sie wieder, aber sie ist nicht allein. Zwei Kinder sind um sie, es sind ihre Kinder. Und sie hat zu nähen und zu warten und zu betreuen. Und das thut sie, und wie ganz! Das eine sitzt ihr auf dem Schosse, schlummernickend, eingebettet in mütterliche Wärme. Das andere steht am Boden und glotzt, es' lehnt sich an die Matter und hält sie auch noch fest, und dabei näht sie noch für sie und denkt überdies, was weiter notthut für die beiden. Sie haben so wenig von Bewusstsein, aber sie wissen, dass sie bei der Mutter sind. Sie sind eins, diese drei Wesen, die Kinder wie hineingewachsen in die Mutter, so sehr sind sie bei ihr; ein- Band-ist umi siegeschlungen, fest von der Sonne und der Liebe. Das ist der Aufbau, dann nur noch die Töpfe, der Spaten, der Korb, die Henne, die weitere Tagesgeschichte der Familie. Dann aber ist sie krank geworden. Mit dem Arbeiten geht's jetzt nicht, man muss sie pflegen und ihr Arznei reichen. Die wird ihr zärtlich in den Mund geträufelt, mit einer Bewegung, bittend und hoffend, wie ein Gebet. Sie schlürft mechanisch, gesund werden will sie ja und da sein und thätig sein für die da, die vor ihr sitzen. Der Mann ist zu Hause geblieben, die Netze liegen draussen in der Ecke, und der Kahn ist auf der Düne zurückgelassen. Jetzt sieht er nur dahin, ob die Heilung schon kommt. Sie muss ja kommen, gleich muss sie eintreten, die Kranke nimmt doch den Trank und er wünscht es ja so sehr. Er fasst auch die Decke schon erwartend, in fragender Spannung, aufzuspringen, sie aus dem Bette zu heben, und dann soll sie dastehen, gesund und heil. So sitzt er. Nur ist das etwas zu sehr betont, es ist bei Israelskann man das sagen — nicht selbstverständlich genug, es ist Absicht darin. So malte Israels in den fünfziger Jahren, mit der Neigung, aufmerksam zu machen, selbst zu reden, nicht die Dinge allein sprechen zu lassen. Und auch die Kinder sind da. Das ältere an Vaters Schooss gelehnt, blickt auch zur Mutter hin, das kleine spielt kindesselig am Boden. In der Art, wie er Kinder ansieht, — Kinder und Blumen — zeigt sich, wieviel Güte und wieviel Jugend in einem Menschen ist. Wo der Erwachsene dem Erwachsenen gegenübersteht, ist immer ein Verhältnis von Geben und Nehmen; es ist nur selten der Mensch als solcher, die Persönlichkeit, wonach man verlangt, und allenfalls liebt man das, was er kann, und was er gilt, und nicht das allein, was er ist. Anders beim Kinde, das giebt nichts, es sei denn sich selbst, seine Frische, seine Schönheit und Unschuld — die Blume. Und wie man beim Künstler am leichtesten erkennen kann, wie weit er zu zeichnen versteht, an der Art, wie er Hände malt, so erkennt man unmittelbar, wie viel Seele er hat an der Alt, wie er Kinder malt. Und Israels sagt: „Ich fühle mich noch so jung bei Blumen und jungen Menschen!" Israels malt Kinder gern in Augenblicken, in denen ihre junge Seele auftaut, wenn sie sich träumend auswächst durch ein grosses Fragen, das in ihnen auflebt, warum die Liebe und das Spiel denn gestört werden dürfen durch das Leid und den Druck. Dann bekommen ibreZüge einen Ausdruck hellseherischer Beschränktheit mit prophetischer Weite des Blickes, und so ferne sinnend blicken sie hin, als dächten sie weiter als wir und suchten im Gedächtnis der Gattung die Lösung, um dann wieder kindlich und sonnig zu lachen. So etwas haben die Kinder bei Israels, und so sieht das Mädchen auf die kranke Mutter.