Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1902)
- Article
- Jozef Israels
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 297 - 298 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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297 Dr. G. Kutna: Jozef Israels. 298 was zu zart ist, als dass es gezwungen werden könnte, und zu schön, als dass es bewiesen werden könnte. Domröschen muss aus dem Schlafe geküsst werden, und ein Prinz muss es sein. Und sollte man Dornröschen nicht wecken? Wollte man Michelangelo und Dürer auf Wahrheit hin prüfen, dann könnte es gar leicht geschehen, dass nicht viel Grosses mehr übrig bliebe als — der Hochmut des Kritikers. Schliesslich wahr, so eigentlich wahr ist alle Kunst nicht, das wäre anschauende Wissenschaft; auch Israels sagt deshalb gern von Menzel: „Das ist ein grosser Gelehrter", und zu einem Berliner Künstler äusserte er: ,.Bei Ihnen, in Berlin, da haben sie solche Angst vor dem, was wir einen gemalten dummen Streich nennen!" Und dieser Mann ist 78 Jahre alt! Aber er versteht es noch, so jung zu sein: „Ich liebe sonst die jüngeren Leute sehr. Man bleibt selbst so jung unter ihnen . . . man vergisst sein eigenes Alter, — und das ist auch gut!" Und so malt er auch den dummen Streich, aber so köstlich frisch ist das, so kindlich treu und so lieb, dass es einen anmutet, als sähe man die naiven, entzückenden Verzeichnungen und Fehler eines van Eyck. Und schliesslich, seien auch die Hände da und dort zu gross, sei auch der Schatten zuweilen zu tief und die Zeichnung zu verschwimmend in der Fülle von Ton; muss man denn das sehen inmitten all dieser Schönheit? „Das Fehler- und Mangelhafte verlangt nur Aufmerksamkeit, das Gute Versenkung in sich " Was ein Mensch nimmt, und wie er zu nehmen versteht, das giebt er wieder, und so giebt er es. Was Israels in seiner Kunst zu geben verlangt, was seine Gemälde sagen wollen, erkennt man aus dem, was er der Kunst entnehmen will, wie er Kunstwerke beurteilt. Er steht staunend im Prado vor Velasquez: „er zeichnet gross und treffend", „ruhig und sicher thront er". Aber im Anblick von Velasquez bleibt er seinem Rembrandt treu, er denkt an „die Naivität, die Poesie seines düstern, geheimnisvollen Effekts, an das dichterisch Geheimnisvolle", denn „die Kunst Rembrandt's lebt mit jedem Menschenleben mit und strebt dann noch nach dem Historischen und Unsichtbaren." Oder inmitten der schwärmerisch prunkenden Visionen MurihVs in Sevilla, und da sieht er ein Bild von Morales, dabei verweilt er: „Das ist nun ein hässliches Gemälde, und wie schön ist es doch —. Schwarz ist es und grau, die Farbe ist keine Farbe, sondern nur ein Ton von schaurigem Blaugrau, aber — welch ein Gefühl, welch ein Charakter, es ist alles wie geschaffen, um die grosse Trauermär des toten Sohnes auf dem Schoosse seiner Mutter auszudrücken. — Dass doch die Alenschen die Gemälde stets als Möbel für Salons, in Korridors, Kirchen und Gebäuden gebrauchen wollen. — Und du armer Morales, hast für Dekorationen kein Geschick; aber dein Werk möchte ich wohl in mein kleines Zimmer mitnehmen, ich würde nicht aufhängen, ich würde es mit der bemalten Seite gegen die Wand halten, aber in jenen Augenblicken, wo man am liebsten mit sich selbst allein ist, in Stille nachdenkt und die Welt ringsum vergessen möchte, dann würde ich dein Werk vor mich hinstellen, und es würde mich trösten, einen Geist gefunden zu haben, der mit mir fühlt und denkt — und Leid erhebt zu jenem Geheimnisvollen, das wir Poesie nennen." Man denke sich einen Maler, der es bedauert, dass man der Kunst dekorative Zwecke setzt, und der ein Gemälde besitzen will, ohne Malerei zu wollen, und man hat Israels begriffen. Die Kunst ist ihm ein Heiligtum, das man nur betreten darf, wenn es in der Seele nach Andacht läutet. Und mit dieser Stimmung sieht er ins Leben und lauscht und lauscht auf das Stille, das Tiefe. Und so sabbathlich ist diese Stimmung, wohlwollend und friedenstief, darum ist der Alltag so geweiht, den seine Menschen leben. Da gehen sie hinaus auf die See, aufs Feld, die Männer und die Jungen, zur xVibeit; die Frauen sitzen in der Stube, sie nähen, scheuern, und sind den Kindern Mütter; sie horchen dann hinaus, bange, wenn der Sturm kommt, und auf den Pulsschlag am Krankenbett und weinen, wenn das schwarze Tuch dort ausgebreitet ist, in der Ecke, wo das Licht brennt. Und das thun sie alles wie in heimlicher Liebe, als wären sie nur mit der Oberfläche des Bcwusstseins bei der J )ZEF ISRAELS. Frauen von Zandvoort.