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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 285 - 286

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Die Lage der Juden in Rumänien [Kommentar]
Date
1902-04-01
Page
Seite 285 - 286 (sequence 4)
Language
German
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285 Revue der Presse. 286 herein planmässig organsiert, könnte das Ganze weniger kostspielig und dennoch erfolgreicher sich gestalten, als die improvisierten Hülfsversuche vor zwei Jahren. Wäre nun ein klarer Plan der Wanderhülfe für die Armen festgestellt, so hätte man in den einzelnen Ortschaften Komitees einzurichten, die aber nicht aus Beamten bestehen dürften, sondern an Ort und Stelle von den Auswanderungslustigen frei zu wählen wären. Diese Komitees, nach einheitlichem Statut gewählt, hätten die Abreisenden zu sichten, resp. mir solchen die Beglaubigung zu geben, welche würdig einer Unterstützung und iahig zu einer Ansiedelung wären. Denn die Hülfsbewegung solle nicht nur in der Wegtransportierung dieser Leute bestehen. Man müsse vielmehr trachten, sie ordentlich anzusiedeln, und zwar in landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaften, denen eine Kredithülfe gewährt werden kann. Dadurch wäre auch die Möglichkeit geboten, die jetzt Zurückbleibenden zur Geduld zu ermahnen, bis es den Vorausgegangenen gegeben wäre, ihre schwachen Familienangehörigen selbst zu unterstützen und eventuell nachkommen zu lassen. Selbstverständlich würde ein solcher Plan die Unterstützung der Zurückbleibenden in den dringendsten Fällen nicht ausschliessen. Es wird sich nun zeigen, ob die verschiedenen Wohlthätigkeitskorporationen sich zu einer solchen Gesamtaktion entschliessen werden. Insofern ein ernster Wille vorhanden ist, mit genügenden Mitteln und nach einem geordneten Plane in die Aktion einzutreten, werden die Zionisten gewiss solche löbliche Versuche nach ihren Kräften unterstützen. * Der „Frankfurter Zeitung" wird aus Bukarest geschrieben : „Der Entwurf zum neuen Landpolizeigesetze, welcher durch die im ursprünglichen ministeriellen Projekte vorgesehene Ausschliessung der Fremden vom Betrieb eines jeden offenen Verkaufsgeschäftes in den Dorfgemeinden auch im Auslände grosses Aufsehen und berechtigten Widerspruch erregt hatte, ist von den Sektionen der Kammer mit Zustimmung der Regierung wesentlich abgeändert worden. Namentlich ist nach dem nunmehr der Deputiertenkammer vorliegenden Gesetzentwurf der eben erwähnte Ausschliessungsparagraph gestrichen worden. Doch wird hierdurch die durch ein bereits bestehendes Gesetz sanktionierte Ausschliessung der Fremden vom Betriebe der Scbankwirtschaften in den Dorfgemeinden nicht ausser Kraft gesetzt. Dass zu den Fremden auch die nicht naturalisierten rumänischen Juden gerechnet werden, ist bekannt, und es ist daher um so unbegreiflicher und um so bedauerlicher, dass auf einer zur Bekämpfung des Alkoholismus an die Dorfschulen und an die Landbiirgermeister verteilten bunt lithographierten Bildertafel der rumänische Bauer dargestellt wird, wie er zuerst von einem jüdischen Schankwirt zum Alkoholgenuss verleitet und dann von diesem im vollsten Sinne des Wortes ausgezogen wird, um schliesslich nach einem im Rausche verübten Totschlag im Kerker zu enden. Die betreffende Bildertafel ist auf Kosten der dem Ministerium für Kultus und Unterricht unterstehenden Schulkasse hergestellt worden, und würde deren öffentliche Zurschaustellung in den Dorfschulen ■ nnd in den Amtslokalen der ländlichen Bürgermeistereien als eine offizielle Unterstützung verleumderischer antisemitischer Volksverhetzung um so mehr zu gelten haben? als der Schankbetrieb in den Dorfgemeinden ein ausschliessliches Privileg der rumänischen Staatsbürger bildet und als sonach der nicht im Besitze des rumänischen Bürgerrechts befindliche Israelit gar nicht in die Lage kommen kann, den rumänischen Bauer zum Trünke zu verführen, um ihm darauf in trunkenem Zustande seine Habseligkeiten abzunehmen. Dieses Geschäft wird vielmehr in unseren Dorfschaften ausschliesslich von Vollblut-Rumänen oder rumänisierten Armeniern, Griechen und Bulgaren besorgt." Die Fremdeneinwanderung in England. Die vor einem Jahr begründete British Brothers League in London hat zu ihrem Stiftungsfest eine Versammlung abgehalten, die sich unter dem Vorsitz des Begründers Mr. W. T. Shaw mit der Fremdeneinwanderung in England beschäftigte. Nach Beendigung der einleitenden Formalitäten schlug Mr. J. L. Silver folgende Resolution vor: Diese Versammlung von britischen Bewohnern des Ostends protestiert gegen die Apathie der aufeinanderfolgenden britischen Regierungen gegen den nach Grossbritannien kommenden Strom von armen Fremden, die auf Veranlassung und zum Vorteil von ausnützenden Arbeitgebern und Hauswirten hierher gebracht [wurden. Dieser Zufluss hat seit 20 Jahren zugenommen, hat einen allgemeinen Niedergang in der Lebensführung der arbeitenden Klassen herbeigeführt und die erste Veranlassung zur Wohnungsnot gegeben. Die Versammlung verlangt sofortige, die Einwanderung einschränkende Gesetzgebung, in seiner Rede zur Begründung der Resolution bedauert Mr. Silver, dass die klar und einfach vorliegenden Zwecke der Liga zu Missverständnissen Anlass gegeben haben. Man habe sogar behauptet, die Liga wolle alle in England lebenden Fremden heimschicken. Es thäte ihm zwar leid, dass viele der Einwanderer unter sehr traurigen Verhältnissen hier lebten, aber sie sollen nur ruhig hier bleiben, es handelte sich nicht um sie, sondern, um den künftigen Zufluss. Man hat auch gesagt, die Liga arbeite gegen die Juden. Dies ist eine falsche und absurde Behauptung und wird durch die Thatsache widerlegt, dass ein Jude in unserem Vorstand ist und dass wir viele jüdische Mitglieder haben, die in ihrem Gewerbe die Konkurrenz der Fremden sehr drückend empfinden. Der Redner betont mit grossem Nachdruck, dass es sich hier um keine jüdische Frage und nicht um Antisemitismus handele — wäre dies der Fall, so würde er nicht auf der Rednertribüne stehen. Die Mitglieder der Liga würden die letzten sein, die ihre Hand gegen Juden erheben. Wenn allerdings die Juden ihren Beistand zur Bekämpfung des Uebels versagen, wenn sie es für richtig erklären, dass durch übermässige Einwanderung die Engländer aus ihren Häusern vertrieben werden, so könnte in diesem Sinne wirklich eine jüdische Frage entstehen. Angesichts der unmittelbar bevorstehenden rumänischen Katastrophe sowie der Einwanderungsbeschränkungen und Erschwerungen, von denen einige unserer Pressstimmen Zeugnis geben, wird die Frage sich jedem denkenden Juden aufdrängen: „Wohin mit den rumänischen Juden?" Der Antworten giebt es viele, aber keine Lösung ist wohl einwandsfrei und jedem Vorschlage wird die Schwierigkeit der Geldbeschaffung entgegenstehen. Logischerweise sollte also die Frage dahin präzisiert werden: „Wo kann den rumänischen Juden mit dem geringsten Geldaufwande geholfen werden?"

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