Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Die Lage der Juden in Rumänien [Kommentar]
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 287 - 288 (sequence 5)
- Language
- German
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287 Revue der Presse. 288 Eine Antwort hierauf — wenigstens eine Teil-Antwort — kann in dem folgenden Bericht der „Israelitischen Wochenschrift" erblickt werden: Berlin, 5. März. (Vortrag.) Im „Verein Jüdischer Studenten" (im B. J. C.) hielt am 25. v. M. Herr Professor Warburg einen Vortrag über „Kolonisation in Anatolien". Der Vortragende führte etwa folgendes aus; „Die Kolonisation ist der moderne Ausdruck der jüdisch-sozialen Thätigkeit. Den äusseren Anstoss dazu gaben die Judenverfolgungen im östlichen Europa. Während bereits früher in Palästina und in Argentinien Kolonisationsversuche gemacht wurden, ist das neueste Besiedelungsgebiet Anatolien. Unter Anatolien versteht man das vordere Kleinasien, ein Land von etwa 8 Millionen Einwohnern, l1^ Mal so gross als Spanien, sehr dünn bevölkert, jedoch das Kern- und Stammland der Türkei. Die ersten Kolonisationsbestrebungen in diesem Lande sind im Jahre 1899 zu verzeichnen. Chaskel Schwarz, ein Schankwirt aus der Dobrutscha, siedelte sich mit ca. 140 Familien in Anatolien an. Allerdings mussten einige Kolonien wieder aufgelöst werden, während andere, besonders die von dem Vortragenden selbst begründeten, florieren. Ein grosser Erfolg wäre (nach der Ansicht des Vortragenden) zu erwarten, wenn junge Leute dorthin geschickt werden würden, die dadurch, dass sie etwas Geld mitbringen, selbst ideell und materiell an dem Gelingen ihrer Arbeit interessiert wären. Anatolien weist gegenüber anderen Kolonisationsgebieten sehr grosse Vorteile auf. Es bietet bequem für 2 Millionen Menschen Raum. Land wird von der türkischen Regierung zu Kolonisationszwecken umsonst hergegeben. So kommt es, dass die Kosten der Kolonisation sich für eine Familie auf nur 2500 Mark belaufen, während sie in Palästina sich auf 12000 Mark stellen, weil dort das Land angekauft werden muss. Während es in Palästina im Sommer sehr heiss ist, lässt das Klima in Anatolien nichts zu wünschen übrig. Die günstigen Eigenschaften, die dieses Land für die Besiedelung darbietet, sind also so hervorragende, dass die Kolonisation daselbst grosse Erfolge verspricht". — Der interessante und ausführliche Vortrag fand lebhaften Beifall. Zur Demonstrierung seiner Worte Hess Professor Warburg photographische Aufnahmen, die er selbst in Anatolien gemacht und die Land und Leute vortrefflich charakterisieren, im Kreise der Zuhörer herumgehen. Wir möchten im Anschluss an diesen Vortrag über Anatolien als Kolonisationsgebiet für rumänische Juden (denn solche sind die dortigen Kolonisten) fragen, ob es nicht gelingen sollte, Se. Majestät den Sultan für das Los der rumänischen Juden in ihrer Gesamtheit zu interessieren. Den bisherigen Kolonisten in Anatolien hat er Beweise seines Wohlwollens gegeben, die in schärfster Weise mit dem Ver- *^+^it*^mf*y^*&*v**f^m halten des christlichen Königreiches Rumänien kontrastieren. Die Dobrutschaner Juden, die bis zum Jahre 1878 türkische Unterthanen gewesen waren, wurden von der türkischen Einwanderungs-(Muhadjir-)Kommission den osmanischen Einwanderern völlig gleichgeachtet, und der Sultan Hess sich sogar auf ein telegraphisches Immediatgesuch des oben erwähnten Kolonieführers Chaskel Schwarz zu einer Gabe von 2000 türkischen Pfund aus seiner Privat-Schatulle bewegen. — Es ist kein Zweifel, dass der Sultan und seine Ratgeber eine jüdische Kolonisation grossen Stiles in Anatolien gern sehen würden (hierüber liegen authentische Aeusserungen vor!); nur mittellose Einwanderer in unbeschränkter Zahl aufzunehmen ist das türkische Reich nicht in der Lage. Dass man in beschränkter Zahl sogar absolut mittellosen Immigranten Einlass und weitgehende Unterstützung gewährte, dafür liegt die Thatsache vor, dass von den ca. 1000 Einwanderern, die im Winter 1899—1900 kamen, mindestens neun Zehntel bei der Ankunft in Konstantinopel schon nicht in der Lage waren, Brot zu kaufen! (Schon der Ueberfahrtspreis von Rumänien nach Konstantinopel — ca. 9 Francs — war vielen von ihnen unerschwinglich und wurde ihnen von den bessergestellten Nachbarn geschenkt!) .....Sollte es nach all dem so aussichtslos sein, den Sultan anzugehen, alle rumänischen Auswanderer als osmanische Unterthanen nach dem Muhadjir-Gesetz zu behandeln, ebenso wie die Dobrutschaner Juden? Waren die letzteren bis zum Jahre 1878 osmanische Unterthanen, so waren die Juden des übrigen Rumäniens ja gleichfalls solche, bis zu der Zeit, als man — offenbar sehr verfrüht — glaubte, Rumänien der türkischen Oberhoheit und Vormundschaft entziehen zu sollen...... Vielleicht ist hier der Weg vorgezeichnet für die Hilfsaktion grossen Stiles, die allein in Betracht kommen sollte. Vielleicht werden die grossen jüdischen Organisationen dem Sultan die Gewähr für eine planmässige Einwanderung bieten können. Dann wäre wohl auf jedes Entgegenkommen von Seiten der türkischen Regierung zu rechnen und es würden nicht nur die ganz Mittellosen nach Anatolien kommen, sondern auch sehr zahlreiche rumänische Flüchtlinge, die wenigstens etwas aus dem Schiffbruch gerettet haben, und — bei den verhältnismässig geringen Kosten dieser neuen Kolonisation — im Stande wären, ohne Beihilfe der türkischen Regierung sich als Ackerbauer oder sonstwie sesshaft zu machen. Bei der grossen Nähe dieses Immigrationsgebietes zu Rumänien und der Billigkeit der Reise, der Aehnlichkeit der Klimate, sowie mit Rücksicht auf den Kern rumänischer Kolonisten, die schon dort sind, sollte Anatolien angesichts der bevorstehenden Krisis wohl in Erwägung gezogen werden. 0+9f*^*^*^+*^*ß^*^i*Sf^****l^^ft*^**4***^+*f+^l Abonnementspreis für das Halbjahr in Deutschland und Oesterreich Mark 3.50, für das Ausland Mark 4,— für Russland ganzjährig: 4 Rubel, halbjährlich 2 Rubel. Einzelhefte ä 35 Kop. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen des In- und Auslandes, durch alle Postämter des Deutschen Reiches unter No. 5785 a der Postzeitungsliste und durch die Expedition dieser Zeitschrift. Anzeigen 50 Pfg. die vier gespaltene Petitzeile, grossere Anzeigen nach Tarif, bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Gesuche und -Angebote zum halben Preise. Adresse für die gesamte Korrespondenz: S. CALVARY & Co. (Inh. HUGO BLOCH & Dr. F. GOTTHELF) YerlagsjDnchnandlung und Antiquariat, Berlin HW„ Heue Wilhelmstrasse 1. jy^^w^^*^^>^^*^»^p^^^A^i'^»* Verantwortlicher Redakteur: Leo Winz, Berlin, Altonaerstr. 36. — Verlag von.S. Calvary & Co., Berlin NW. 7. Druck von Pass & Garleb, Berlin W 35.