Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Michah Josef Lebensohn
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 257 - 258 (sequence 3)
- Language
- German
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257 R. Brainin: Michah Josef Lebensohn. 258 blick bereit ist, seine Seele in die Hände des Herrn der Wahrheit zu legen. "Wir schauderten, und er zuckte mit keiner Wimper. Wir seufzten und er sprach zu uns ruhig und tröstend. Wir weinten bitterlich im stillen, und er ging hin und sang uns die schönsten Zionslieder." Die Freundschaft war das einzige, was ihm das Leiden versüsste. Sein Vater erzählte: „Was seine Leiden linderte und ihn am Leben erhielt, war die Liebe zu den Freunden Die Unterhaltung mit ihnen brachte ihm Labung. Jede ihnen widerfahrene Kränkung berührte ihn wie eine eigene." Körperlich war der Dichter krank, gebrechlich und hinfällig, aber seine Kunst war urkräftig und lebenatmend. Die Poesie war seine natürliche Sprache. Er brauchte niemals nach Versen zu suchen, er dachte in Versen. Jeder Gedanke kleidete sich bei ihm ungezwungen in. ein poetisches Gewand. Sogar die Briefe an seine Freunde, wie auch die bis heute unediert gebliebenen exegetischen Versuche zur Heiligen Schrift, atmeten einen Hauch tiefer Poesie. Alles, was seiner Feder entfloss, trug den Stempel dichterischer Weihe und war in einer seelenvollen Sprache ausgedrückt. Dieser Dichterjüngling war seinem ganzen zarten und feinem Wesen nach, sowohl an Körperbau durch die Schönheit seiner äusseren Erscheinung, wie auch durch seine vornehme geistige Struktur eine ungemein anziehende poetische Gestalt, von der es wie ein Licht ausstrahlte und die von ihren eigenen seelischen Schätzen, von ihrer Güte, Lauterkeit und Anmut der Umgebung mitteilte. Ich kannte einige Schriftsteller jener Generation, wie Gordon und Schulmann, die in Feuer gerieten, so oft sie von dem jungen Lebensohn zu erzählen anfingen. Sie konnten dieser poetischen Natur und des mächtigen Zaubers, der von ihr ausging, nicht vergessen. Mit 19 Jahren übersetzte Lebensohn das dritte und vierte Buch der Aeneide nach Schillers Bearbeitung. Die Sprache dieser Uebersetzung ist meisterhaft kräftig und doch zugleich sanft und musikalisch. Bald verboten ihm die .Aerzte das Lesen und Schreiben, doch er machte sich nichts daraus und in seinem einsamen Zimmerchen verbrachte er zuweilen die ganze Nacht bis zürn Morgengrauen am Schreibtisch. Eine jede Nacht hielt er für die letzte seines Lebens und er strengte alle seine Energie an, um so rasch als möglich noch einmal einen Flug durch den Garten der Weltlitteratur zu machen und aus ihren Blumen Honig zu saugen. Den Saft seines eigenen Lebens wollte er seinem Volke hinterlassen. Die Virgilübersetzung fand den Beifall der jüdischen Gelehrten in Deutschland, die sich lobend und ermunternd über sie aussprachen. Im Sommer 1849 schickten die Wilnaer Aerzte Lebensohn nach Berlin, wo er den Hofarzt Schönlein konsultieren sollte. Dieser schickte ihn nach Salzbrunn, wo er einige Monate Aufenthalt nahm. Er kehrte jedoch, ohne die geringste Besserung zu verspüren, für den Winter nach Berlin zurück. Hier verbrachte er den ganzen Winter, und im Verlaufe dieser Zeit entfaltete sich seine Begabung in einem erstaunlichen Maasse. Seine Seele gewann an Tiefe und Schönheit. In Berlin schloss er sich eng an Senior Sachs an, der den Jüngling von ganzem Herzen lieb gewann und ihn tiefer in die Probleme der jüdischen Wissenschaft einführte. Gleichzeitig hörte er an der Berliner Universität Schellings Vorträge über Philosophie, über welche er in einem Briefe an seinen Vater ausführlichen Bericht erstattete. Je mehr seine leiblichen Kräfte im Niedergange waren, desto höher schwang sich sein Geist empor. Bald konnte er an Leopold Zunz ein Exemplar seiner Virgil-Bearbeitung, die der Vater daheim mittlerweüe in Druck gegeben hatte, überreichen. Der grosse Kenner der hebräischen Poesie des Mittelalters erkannte sofort die dichterische Begabung des jungen Mannes und riet ihm, die heidnischen Stoffe zu verlassen und sich jüdischen Themen zuzuwenden. So entstanden noch in Berlin die sechs grossen Gedichte, die unter dem Gesamtitel „Schire Bath-Zion" herauskamen (Salomo, Koheleth, Simsons Rache, Jael und Sisera, Mose auf dem Berge Abarim, Jehuda Halewi), und zu den kostbarsten Edelsteinen der modernen hebräischen Poesie gehören. In der Darstellung der biblischen Gestalten verrät sich die Meisterhand des vollendeten Plastikers. Die Menschen sind voller Leben und Hoheit. Wir erblicken den König Salomo als jugendlichen Träumer, „dessen Frische noch ungetrübt ist, gleich dem Schnee des Libanon, den kein Fuss betreten". Der Dichter schildert die erste Liebe des Königs zu der Hirtin Sulamit, um deretwillen er Thron und Reich vergisst, das Szepter mit dem Hirtenstab vertauscht, um ihr in die blumigen Thäler zu folgen, „da ihre Schönheit sein Königreich, ihre Augen seine Krone, und sie ihm köstlicher ist, denn die Veste Davids". Eine jugendliche Anmut, eine Schönheit voller Frische und unvergänglicher Pracht sind der Schmuck dieses entzückenden Gedichtes, in welchem die Liebe ihren geheimnisvollen, keuschen Zauber der ersten Regungen entschleiert, Zion und seine Umgebung in uralter Hoheit vor unseren Augen wieder auferstehen, die Harfentöne Salomos mitten in dem Bilde eines friedlichen und zugleich erhabenen Naturlebens wiedererklingen, Ein Hauch fernen Altertums weht uns an, nach dem der Dichter sich so innig sehnte. Im „Koheleth" sehen wir den König als Greis mit schneeweissen Locken, „der Kummer hat ihm Stirn und Wangen gefurcht". Er glaubt nicht mehr an Freund und Freundin, denn in seines Herzens Tiefen irrt der Zweifel umher und seine ewige Frage lautet: „Wer weiss?" Uebersättigt von den Genüssen des Lebens, ist er müde und erschöpft und ruft aus: „Besser ist der Tag des Todes, als der Tag der Geburt!" Die viele Weisheit und das Wissen, das er erworben, lässt ihm die ganze Welt als Eitelkeit aller Eitelkeiten erscheinen. Aus dem „Koheleth" hört man bereits den Widerhall der entsagungsvollen Stimmung heraus, die den dem Tode entgegengehenden Dichter selber erfüllt, ja, hier klingen uns bereits die Töne des philosophischen Pessimismus des 19. Jahrhunderts entgegen. In Berlin muss Lebensohn offenbar Schopenhauer gelesen haben, doch war ja auch seine eigene Lebensanschauung von einer poetischen Wehmut getragen. In dem Gedichte „Mose auf dem Berge Abarim" hat er mit feinen, zarten Strichen die ergreifende Seelentragödie des grossen Gesetzgebers und Vorkämpfers ausgemalt, dem das so heissgeliebte Volk das Leben verbittert, dem undankbare Empörer nachgestellt, und nun, nachdem er in so vielen Kämpfen obgesiegt, so viele Heldenthaten und Wunder vollbracht, so viele unsägliche Mühen und Fährnisse überwunden, so viele machtvolle Bestrebungen verwirklicht, nachdem er der Welt einen Gott gegeben, nachdem er die Riesen in öder Wüstenei niedergebeugt und eine ganze Generation seines eigenen Volkes ins Grab sinken gesehen — nun steht er am Rande des Landes, nach welchem er sein ganzes Leben Verlangen getragen, überblickt es von höherer Warte.