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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 255 - 256

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Michah Josef Lebensohn
Date
1902-04-01
Page
Seite 255 - 256 (sequence 2)
Language
German
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255 R. Brainin: Michah Josef Lebensohn, 256 schreiben. Zunächst versuchte er es mit Uebersetzungen. Sobald er ein Gedicht las, das ihm einen starken Eindruck machte, konnte er der Lust nicht widerstehen, es ins Hebräische zu übersetzen. Sein aus dem 16. Lebensjahre herrührendes Gedicht „Bruderliebe" lässt stellenweise schon den künftigen grossen Dichter ahnen, der die Sprache ganz in seiner Gewalt hat und dem Versmass und Reim unbedingt gehorchen. Gabriele d'Annuncio hat als sechzehnjähriger Knabe ein Bändchen Gedichte veröffentlicht, welches einem bedeutenden französischen Kritiker den Ausruf entlockte: „Wäre ich der Erzieher des jugendlichen Dichters, ich würde ihm mit der einen Hand einen Lorbeerkranz und mit der anderen Ratenstreiche geben, weil er so früh an die Oeffentlichkeit trat." . Dem hebräischen Dichterknaben reichte in seinem Leben keiner einen Lorbeerkranz, aber auch keiner Rutenstreiche. Er schrieb überhaupt nicht für den Druck, da er weder nach Ruhm noch nach sonstiger Entlohnung geizte. Alles was von seinen Gedichten bei seinen Lebzeiten gedruckt ward, wurde ohne sein Zuthun veröffentlicht, und die besten seiner Schöpfungen kamen erst nach seinem Tode ans Licht. Der jugendliche Sänger, dessen reine, grosse Seele schon aus seinem Erstlingsgediclite zu uns spricht, bedurfte keiner Lorbeeren, er war keusch, bescheiden und anspruchslos ohne gleichen. Er hatte nichts an sich von der Art der modernen Dichter, die es „nicht lieben zu schweigen", sondern «wollen sich dem Volke zeigen". Dagegen gemahnte sein ganzes Wesen lebhaft an die alten Propheten seines Volkes und ihre besondere Psychologie. Seine ganze moralische Beschaffenheit spricht im Stile Jeremia's: „Siehe, ich verstehe nichts, dieweil ich ein Knabe bin". Innige Freundschaft verband ihn seit der frühesten Jugend mit dem Dichter J. L. Gordon und dem Schriftsteller Kaiman Schulmann, die seine Klugheit, seine Sanftmut und sein Gemütsreichtum fesselte. Lebensohn war eine gesellige Natur, und Freundesliebe war ihm ein Herzensbedürfnis. Seine Freunde gaben ihm viel, aber noch mehr gab er ihnen wieder. In seiner Seele lebte und webte stets eine Fülle von Gefühlen und Titelblatt einer Pessach-Hagada (Im Besitze des Herrn J. H. Wagner, Berlin.) Gedanken und es war ihm ein Genuss, mit anderen seine Geistesschätze zu teilen, ihnen seine geheimen Kostbarkeiten zu schenken und sie in die poetischen Luftschlösser einzuführen, die sein stilles Königreich bildeten. Schon im 15. Lebensjahre zeigten sich die Vorboten der Krankheit, die ihn dahinraffen sollte. Vier Jahre später schrieb er an Schulmann: „Meine Krankheit giebt mir auch in der Nacht keine Ruhe ... sie führt mich mit Riesenschritten meinem Ende entgegen. . . . Vergeblich ist die Kunst der Aerz te, sie werden mich nicht retten, sondern unnützerweise meine Qualen verlängern . . . Schon sehe ich mich auf dem Totenbett liegen, ringsum ein Weinen, Eltern, Geschwister, Freunde jammern und wehklagen . . . Dann werde ich in die Gruft gesenkt, dumpfe Tritte ertönen über mein Grab, ein schreckliches Weinen dringt zu mir hinein . . . Ich sehe den letzten Blick der Eltern, während sie mich in die Arme der furchtbaren Ewigkeit legen . . . Meine Hand, die in diesem Augenblick die Feder führt, wird von Würmern zerfressen . . . Oh, wie schrecklich ist der Tod, wie süss ist das Leben! Früh schon war ich auf den Tod gefasst, aber in der Blüte der Jugend, mit 19 Jahren schon sterben zu müssen? Ich bin noch voller Lebenslust, noch sehne ich mich nach der Sonne, ich durchmesse so gerne im Geiste die unendlichen Fernen, oh, leben, leben! Ich will leben! Aber meine Hände werden schwach, meine Knochen trocknen aus, das bischen Lebenskraft brodelt und zischt in mir, mein Puls eilt, mein Atem geht kurz . . . Ach, mir schreitet der Tod entgegen, nur noch eine Weile, und er ist da . . Seit damals nahm seine Krankheit beängstigend rasch zu, aber auch der Quell seiner Poesie sprudelte um so reichlicher. Während er anderen mit seinen Dichtungen die erlesensten ästhetischen Genüsse bereitete, musste er die verzehrenden Schmerzen im Innern vor seinen Nächsten verbergen, um sie nicht zu betrüben. Gordon schreibt: „Wir, seine Jugendfreunde, konnten am besten die Seelengrösse ermessen, mit der er lange Jahre sein Leiden trug, ohne zu klagen. Er stand vor uns wie einer, der jeden Augen-

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