Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Michah Josef Lebensohn
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 259 - 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583895-2585353--01546-2585433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
259 R. Brainin: Michah Josef Lebensolin. 260 während Gottes Machtwort ihm zuruft: „Du darfst es nicht betreten!" Doch das bedeutendste Gedicht dieser ganzen Sammlung ist „Jehuda Halevi". Hier hat Lebensohns Können den Gipfelpunkt erreicht. Inhalt und Form. Phantasie und plastische Darstellungskraft haben hier die höchste Höhe erschwungen. Dieses Gedicht wird fortleben, die Herzen erheben, die Phantasie der Dichter beschwingen, so lange es eine hebräische Sprache geben wird. In Berlin stand Lebensohn im Briefwechsel mit den bedeutendsten jüdischen Gelehrten seiner Zeit. Luzatto, der ihn hochschätzte, war ihm durch manchen wertvollen Wink zum besseren Verständnis des biblischen Stoffes, den er dichterisch verwertete, behilflich. Im Frühjahr 1850 sandten ihn die Berliner Aerzte nach ReinerZj wo sich seine Gesundheit bedeutend gebessert zu haben schien, doch als er nach Berlin zurückkehrte, verschlimmerte sich sein Zustand bedenklich. Damals sang er in Berlin eine Reihe von Liebesliedern, die an Schönheit und Zauber, an Macht der Empfindungen, an Urwüchsigkeit und an Zartheit des sprachlichen Ausdrucks unstreitig das Beste der ganzen hebräischen Liebespoesie bilden. Damals entstand auch das prachtvolle Gedicht „Das Frühlingsfest", in dem der Dichter einen Spaziergang Unter den Linden schildert, wo ihn das lebhafte Treiben neben der Oper und dem Königlichen Schloss umrauschte. Durch die Strassen der Stadt wälzt sich das frohe, ausgelassene, genusshaschende Leben, in seinem Herzen aber „herrscht ödes Schweigen und dumpfe Grabesstille. So ruht der Wald, in dem der Orkan gewütet, so ruht die See. nach einem verheerenden Sturm". Schmerzerfüllt ruft er aus: „Oh, wie schaurig ist es, das Grab zu grüssen, wenn Herz und Seele am Leben hängen". Je mehr sich seine Gesundheit verschlimmerte, desto stärker regte sich in ihm die Sehnsucht nach dem Leben, nach der Liebe zu seiner schönen Hanna, die vermutlich keine phantastische Figur, sondern ein wirkliches, lebendiges Mädchen war, das seine Seele gefangen hielt, während er fern von ihr weilen musste. In Berlin schrieb er auch das schaurig süsse, ergreifend schöne Gedicht über die Cholera in Berlin. Der absterbende Leib war ausser Kraft, die riesige Arbeit dieses grossen Geistes zu ertragen. Als Lebensohn anfang Winters 1851 nach Hause zurückkehrte, erregte der reife, reiche geistige Besitz, den der Todgeweihte mitbrachte, das Erstaunen der Freunde. Daheim übersetzte er Goethes „Erlkönig". Ich kenne in keiner anderen Sprache eine gleich schöne Uebersetzung dieses wundervollen Gedichtes. Das Schaurig-Poetische darin hat in der hebräischen Sprache einen beinahe noch kräftigeren Ausdruck gefunden, als im Original. In demselben Winter entstanden noch andere Originalgedichte und Uebersetzungen, in denen der wilde Sturm zum Ausdruck kommt, der diese lebensfreudige, aber dem frühen Tod entgegensehende Künstlerseele durchtobte. In einem dieser Gedichte, „An die Sterne" überschrieben, ertönt des Dichters heisser Wahrheitsdurst, sein leidenschaftliches Bedürfnis nach einer Antwort auf die letzten Fragen, seine Sehnsucht nach der Ewigkeit, nach einer höheren, reineren Welt, und sein Ekel vor der Kleinlichkeit, Heuchelei und Gewalttätigkeit des Erdenlebens. Sein letztes Gedicht war „Das Gebet". Auf den Flügeln dieses mächtigen, erhabenen Gesanges schwang sich die Seele des sterbenden Dichters in die Ewigkeit, zu dem Urquell des Guten empor. In diesem Gedichte finden wir den unglücklichen Jüngling versöhnt mit seinem Schicksal. In den Tönen des Weltalls erlauscht er ein ewiges, zum Schöpfer emporsteigendes Gebet, von den Himmelskörpern bis hinab zum kleinsten Würmchen im Staube . . . „Hailelujah! ruft mit mir die ganze Welt, die Himmel dort oben und die Unterwelt, wohin ich niedersteige!" . . . Seine letzten Verse sind ein Dankesgruss an die erlösende, heilbringende Kraft des Gebets, „die, dem Tau des Abendhimmels gleich, die Herzen erquickt, die Wunden der Menschenseele lindert". Am 27. Schebat des Jahres 1852 schwieg sein Liedermund still für immer.