Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 251 - 252

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Nietzscheanismus und Judentum
Date
1902-04-01
Page
Seite 251 - 252 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583895-2585351--01538-2585429
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

251 Actad Ha'am: Nietzscheanismus und Judentum. 252 Volkes gänzlich der Herrschaft toter Buchstaben. In Uebereinstimmung — und nicht im Widerspruch damit — behauptete ich in jenem Aufsatz und behaupte noch immer, dass es gar nicht der Zertrümmerung und der mit lärmender Emphase proklamierten Umwertung aller Werte bedarf, sondern allein der Zuführung eines „frischen Lebensstromes in Form eines lebendigen Strebens im Innern des Volkes nach nationaler Einheit und Wiedergeburt, nach einer freien Entwicklung, die, auf allgemein menschlicher Basis sich vollziehend* seiner Eigenart entsprechen würde46. n)Dieser frische Strom soll das Mittel zur Wiederbelebung der Nation sein und ihr wieder die Fähigkeit zur Entfaltung ihrer sittlichen Kräfte gewähren. Dann wird von selbst auch die Schrift in ihrer Entwicklung fortfahren, als Ergebnis der Forderungen des Volksgeistes und seiner wahrhaften Bedürfnisse, nicht aber infolge des lärmenden Treibens einiger phantasieliebender Jünglinge, die sich in fremden Weinbergen an Herlingen gütlich gethan und nun möchten, dass das ganze Volk dafür büsse. Ueberhaupt könnte es diesen Schriftstellern nicht schaden, wenn sie sich, bevor sie ihre „niederreissende" und „aufbauende" Thätigkeit beginnen, etwas mehr in das Wesen der Geschichte und den Gang ihrer Entwickelung vertiefen würden. Es ist wahr, dass Nietzsche selbst die volle Schale seines Zornes auf die Geschichtsforscher ausgoss, und Darwin und Spencer, die Schöpfer der Evolutionstheorie, für „ mittelmässige Engländer" erklärte. Aber dies hinderte ihn nicht, selber historische Hypothesen aufzustellen, um den Gang der ethischen Entwickelung zu begreifen, und der Darwinschen Theorie den Grundstein zu seinem neuen System zu entnehmen. Diese Schriftsteller scheinen die Vorstellung zu haben, dass die Moral eines jeden Volkes etwas Aeusserliches sei, welches in der Hauptsache mit Absicht und vollem Bewusstsein von einigen Individuen zu einem bestimmten Zweck „gemacht" würde. Um nun diese Moral unizustossen, zu zertrümmern und durch eine andere zu ersetzen, ist nach ihiem Dafürhalten nichts weiter nötig, als dass einige andere Individuen auftreten und laut und lärmend die Umwertung der alten Werte verlangen sollen. Eine derartige Anschauung war in früheren Zeiten, im Zeitalter Rousseau's und seiner Nachfolger, noch annehmbar, aber die neuen Schriftsteller unserer Generation, die sich selbst zu den Schriftstellern der „Zukunft" zählen, sollten doch wissen, dass man keinem Volke eine neue Moral mit Händen schafft, ebensowenig wie man ihm eine neue Sprache fabriziert; dass die Gesetze der Moral in derselben Weise wie die der Sprache die Frucht des Voiksgeistes ist, die im Laufe der Zeit nach und nach langsam heranreift als Ergebnis zahlreicher und verschiedenartiger, sowohl dauernder wie temporärer Ursachen, nicht aber nach einem bestimmten und im Voraus festgesetzten Plane. Deswegen sind sowohl die iJ) „Am Scheidewege", S. 116. Moralgesetze wie die Sprachgesetze voll logischer Widersprüche in Form von Regeln und Ausnahmen, und es liegt in keines Menschen Macht, sie entsprechend seinem persönlichen Wunsch und Geschmack niederzureissen und aufzubauen. Sie entwickeln und wandeln sich vielmehr von selbst, zusammen mit der allgemeinen Lage des Volkes, mit dem Zustand seiner Bedürfnisse und seines Geisteslebens. Und wenn die Sprache des Volapük als künstliches und notgedrungenes Verständigungsmittel noch einen gewissen Wert beanspruchen darf, so ist ein Volapük der Moral eine seltsame Erfindung, die weder einem Bedürfnis noch irgend einem Vorteil entspricht, sondern bloss eine zwecklose Zeit Verschwendung bedeutet und lediglich dazu beiträgt, einigen jugendlichen, nach aufregenden Neuigkeiten lüsternen Heissspornen den Kopf zu verdrehen. Der Erfinder des Volapük, der seine Sprache bei allen Völkern eingeführt zu sehen wünschte, hielt es für notwendig, aus seinem neuen Alphabet den Buchstaben R zu streichen, weil ihn die Chinesen nicht aussprechen können. Dagegen die Erfinder unseres moralischen Volapük kümmern sich nicht im geringsten um die Leistungsfähigkeit ihres Volkes, für welches sie „bauen" wollen, sondern suchen es gewaltsam mit einer neuen Lehre zu beglücken, die durch und durch seinem ganzen Wesen widerspricht, und halten es nicht einmal für nötig, sich vorerst zu erkundigen und zu überzeugen, ob es überhaupt diese neue Lehre annehmen kann. * ,.Es ist viel erreicht, wenn der grossen Menge jenes Gefühl endlich angezüchtet ist, dass sie nicht an alles rühren dürfe; dass es heilige Erlebnisse giebt, vor denen sie die Schuhe auszuziehen und die unsaubere Hand fern zu halten hat .... Umgekehrt wirkt an den sogenannten Gebildeten, den Gläubigen der „modernen Ideen", vielleicht nichts so ekelerregend als ihr Mangel an Scham, ihre bequeme Frechheit des Auges und der Hand, mit der von ihnen an alles gerührt, geleckt, getastet wird." Hart und unhöflich klingen die eben angeführten Worte. Aber ich brauche unsere Nietzscheaner deswegen nicht um Entschuldigung zu bitten. Sie stammen nicht von mir, sondern aus der Feder ihres Meisters. Nietzsche war es, der dieses Urteil fällte über diejenigen, die ohne den „Instinkt der Ehrfurcht" herantreten an — die jüdische Schrift, an die Bibel! „Solche Bücher". — fügt er ferner hinzu — „solche Bücher der Tiefe und der letzten Bedeutsamkeit brauchen zu ihrem Schutz eine von aussen kommende Tyrannei von Autorität, um jene Jahrtausende von Dauer zu gewinnen, welche nötig sind, sie auszuschöpfen und auszuraten."12) Dies sind die Worte des Meisters, und wenn wir darauf die Reden seiner jüdischen Jünger vernehmen, 12) Jenseits von Gut und Böse, S. 249—250

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.