Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 4 (April 1902)
- Article
- Nietzscheanismus und Judentum
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 249 - 250 (sequence 5)
- Language
- German
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249 Acbad Ha*am: Nietzscheanismus und Judentum. 250 die neue Lehre dem jüdischen Volke aufoktroyieren wollen, um durch sie das Leben der gesamten Nation umzuwandeln, und in dem naiven Glauben befangen sind, dass dieses Volk, dessen ganzer Lebensinhalt fast seit dem Moment, da es auf den Schauplatz der Geschichte getreten, gewissermassen nichts mehr als einen ununterbrochenen heftigen Protest seitens der geistigen Stärke gegen die Kraft der Faust und des Schwertes bildet; dessen ganzer Lebensmut seit seinen Uranfängen bis auf die Gegenwart herab lediglich aus dem tiefen Glauben an seine sittliche „Mission", an seine Pflicht und seine Fähigkeit, dem Ideal der sittlichen Vollkommenheit näher zu kommen als die übrigen Völker, hervorquillt; — dass dieses Volk im stände sei, nach einer Geschichte von Jahrtausenden mit einem Schlage seine Werte umzuwerten und auf seinen nationalen Vorrang in der Welt der Sittlichkeit zu verzichten, um in der Welt des Schwertes das fünfte Rad am Wagen zu sein; dass es sein grosses Heiligtum für den Gott der Gerechtigkeit und Heiligkeit in Trümmer schlagen werde, um an seiner Stelle ein erbärmliches und winziges Altärchen (denn mehr vermag es ja nicht!) dem Götzen der körperlichen Stärke zu errichten. Es muss hier noch bemerkt werden, dass diese Schriftsteller, die der „Schrift" und allem was drum und dran ist, d. h. den von ihr aufgestellten, die Entfesselung des Individualwillens hemmenden Gesetzen den Krieg erklären und des „widerspenstigen" und „mürrischen" Geschlechts der Zeit der Wüstenwanderung, das sich weigerte, den „Willen zur Macht" abstrakten Gesetzen zu unterordnen und die schmackhaften Fleischtöpfe mit den ägyptischen Zwiebeln für das harte Joch moralischer Pflichten einzutauschen, in Sehnsucht gedenken, — dass diese Schriftsteller in dieser Beziehung viel weiter gehen, als ihr Meister selber. Nietzsche selbst, trotz seiner besonderen Vorliebe für die Kraft der Faust und die brutale Wirklichkeit des realen Lebens, hat dennoch die Gerechtigkeit für die höchste Vollkommenheit erklärt, die überhaupt auf Erden erreichbar ist. Ja, es fällt ihm sogar schwer, zu glauben, dass es in der Kraft eines Menschen, selbst eines Uebermenschen liegen kann, das Gefühl der Feindschaft und der Rache zu überwinden und gleichmässig gegen Freund und Feind absolut gerecht zu sein. Er findet es daher sehr vorteilhaft, dass die Gerechtigkeit sich in feste abstrakte Gesetze kleidet, die dem Menschen die Möglichkeit gewähren, die Gerechtigkeit seiner Handlungen am Maassstab des unpersönlichen Gesetzes zu messen, ohne dass er in demselben Augenblick sich den lebendigen Feind vergegenwärtigen müsste, der seine Empfindungen in Aufregung versetzt und seinen Blick durch subjektive Neigungen trübt.8) An dieser Stelle erinnere ich mich, dass die genannten Schriftsteller speziell meine Wenigkeit öfters einer unverdienten Ehre würdigen und mir zu Dank verpflichtet zu sein vorgeben, weil auch ich in einem 8) Zur Genealogie der Moral, S. 366—368. meiner Aufsätze Klage darüber führte, dass wir ein „Volk der Schrift" sind.9) Nur dass ich mich nach ihrer Ansicht zu diesem meinen „Widerspruch" in Wiederspruch setzte, indem ich gleichzeitig für die Bedeutung der „nationalen Güter" und ihre natürliche Entwickelung eintrat und nicht wie sie die Forderung stellte, die „Schrift" mit Stumpf und Stiel auszurotten. Aber auch hier stürzten sie sich lediglich auf das „neue Wort" und klammerten sich daran, ohne in dessen innern Sinn einzudringen. Nicht die Existenz der Schrift an und für sich beklagte ich, sondern deren Versteinerung: dass ihre Entwickelung unterbrochen wurde, dass das moralische Gefühl des menschlichen Herzens nicht mehr in ihr waltet, wie es früher im Judentum der Fall war, als noch die „Gottesstimme in der Menschenbrust" unter der direkten Einwirkung der Lebens- und Naturerscheinungen stand und infolgedessen die „Schrift" gezwungen war, ihren Inhalt in unmerklicher Weise nach und nach umzugestalten und mit dem sittlichen Bewusstsein des Volkes in Einklang zu bringen. Nicht also der Vorherrschaft des „Schwertes" über die „Schrift" sprach ich das Wort, sondern ich trat für den Vorrang der sittlichen Kraft ein, die seit unvordenklichen Zeiten im Bewusstsein unseres Volkes wurzelt und die allein die „Schrift" erzeugte und allein den Geist der „Schrift" in allen Epochen gemäss den Bedürfnissen derselben regenerierte. Erst im Laufe der Diasporajahrhunderte unter dem Druck der Veifolgungen stumpfte sich das lebendige Empfinden des Herzens ab und das moralische Gefühl wurde in seiner Entwickelung gewissermassen unterbunden. Es war infolgedessen nicht mehr im stände, den Inhalt der Schrift zu modifizieren, und so verfiel das gesamte Leben des 9) In den gesammelten Aufsätzen des Verfassers, die unter dem Namen „AI paräschath dräcbim" „Am Scheidewege" — soeben in zweiter Auflage — erschienen sind, S. 111 ff. In dem citierten Artikel führt Achad Ha'am den originellen Gedanken durch, dass der Begriff einer religiösen Reform im Sinne* einer künstlichen und abrupten Aenderung des Bestehenden unhistorisch und widerspruchsvoll sei, da man nur dasjenige zu reformieren wage, an dessen religiöse Autorität man nicht mehr glaube, das also keiner Reform mehr bedürfe. An Stelle der Reform müsse aber der Begriff der Entwickelung treten. So lange das jüdische Volk unter einigermassen normalen Verhältnissen lebte und ein lebendiges Empfinden hatte, war es fortwährend in religiöser Entwickelung begriffen, indem es — noch in den ersten Jahrhunderten der talmudischen Periode — unbewusst den Inhalt der Schrift modifizierte und ihn durch Interpretation seinen Bedürfnissen anpasste. Erst als unter dem Druck der Verfolgungen das lebendige Volksempfinden sich abstumpfte und das jüdische Herz erstarrte, trat an Stelle der „Lehre des Herzens" — so ist der Aufsatz betitelt — die „Lehre der Schrift", die sich nunmehr gänzlich des Volkes bemächtigte. Erst jetzt wurde das Judentum ein Sklave des Buchstabens, ein „Volk der Schrift". Um daher das Judentum von dieser Herrschaft zu befreien, bedarf es keiner Reform, sondern muss man blos das Volksempfinden wachrufen, das jüdische Herz wieder beleben — Achad Ha'am denkt sich diesen „Wiederbelebungsversuch* im Zusammenhang mit dem nationalen Gedanken, — dann wird das Volk seine religiöse Entwickelung von selbst wieder aufnehmen, indem es die Schrift auf dem "Wege der Interpretation seinen jeweiligen Bedürfnissen anbequemen wird. Es sei mir hier gestattet, darauf hinzuweisen, welche Bedeutung Nietzsche — in einem andren Gedankenkreise — den Interpretationen in der Geschichte der Entwickelung zuweist. (Zur Genealogie der Moral (1899) S. 369 ff.) Anmerkung des Uebersetzers.