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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 253 - 254

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Nietzscheanismus und Judentum
Date
1902-04-01
Page
Seite 253 - 254 (sequence 7)
Language
German
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253 Acha<J Ha'am: Nietzscheanismus und Judentum. 254 dann drängt sich, uns unwillkürlich der Gedanke auf, ob es denn nicht ratsamer wäre, wenn unsere Jugend sich selbst in den „fremden Garten" begäbe und die verderblichen Lehren aus ihrem Urquell schöpfte, als dass sie dieselben durch das Medium der jüdischen Sturmand Dranglitteratur empfinge, die in dieser seltsamen Weise zwischen Judentum und Menschentum „Frieden" zu stiften vermeint. . . . MICHAH JOSEF LEBENSOHN. Zu seinem fünfzigsten Todestage. Von R. Brainin, Berlin. Ein halbes Jahrhundert ward in verflossenem Monat seit seinem Tode vollendet. Fünfzig Jahre sind verstrichen, seitdem die schönste und zarteste Blume geknickt wurde, die je in der armseligen, verkümmerten Judengasse erblüht, und noch heute durchweht ihr feiner, zauberhaft poetischer Duft die stickige Luft des Ghetto. Fünfzig Jahre sind verflossen, seitdem diese Zionsharfe im „litauischen Jerusalem" verstummte, und heute noch zittern ihre Akkorde nach, ohne in dem Lärm der Klagen, der Hilferufe, ohne in dem Getöse des wildtobenden Lebenskampfes, das die Judengasse erfüllt, zu verhallen. Seine Lebensgeschichte? Sie hatte kaum begonnen. Gleich beim ersten Aufflackern löschte der Tod sein Lebenslicht aus. Noch hatte dieser grosse lyrische Dichter sein vierundzwanzigstes Jahr nicht vollendet, als er schon das Leben verlassen musste, das er mit der ganzen Sehnsucht seiner jungen, feurigen Seele suchte. Die schönste Gabe des Himmels, die Poesie, ward ihm gleichsam als väterliches Erbe zu teil; war er ja der Sohn des bedeutendsten Dichters seiner Epoche, Adam Hakkohen Lebensohn's; aber auch die zehrende Krankheit, die ihn schliesslich hinraffte, brachte er mit auf die Welt. Und Krankheit und Poesie füllten sein kurzes Leben aus. Erstere war ein Kind des Golus, geboren, gleich dem Dichter, in der Judengasse, wo sie verheerend hauste — letztere entstammte dem Lande der poetischen Sehnsucht, „wo jeder Stein ein Buch, jeder Felsen eine Tafel", dem Lande, das „ein strahlender Edelstein ist im Diadem der Schöpfung". Seiner ganzen Geistesverfassung nach, der Lauterkeit seines Gemüts, der Schwungkraft seiner Seele und der Hoheit seines Denkens nach war der junge Lebensohn ein Bruder der alten Propheten Israels, die sein Ideal bildeten, die er besang, deren erhabene Sprache er meisterlich beherrschte; aber er war ein Prophet im Jerusalem von Litauen, ein Prophet in der Gefangenschaft, im Nordland, wo die Zionsblüten welken müssen, gleich Pflanzen auf fremdem Boden. Nicht nur die Gasse, wo seine Wiege gestanden und wo der Mangel an Luft, an klarem Himmelsblau und erfrischendem Tau der Berge ihn bedrückte, sondern auch das Jahrhundert, in dem er lebte, war ihm fremd. Ihn erfüllte der Glanz vergangener Epochen, der uralten Grösse seines Volkes. Er glich einem Propheten der Glanzepoche, welcher sich in ein fremdes Land und eine fremde Zeit verirrt hatte. Wenn wir die Gedichte Lebensohns lesen, leben wir noch einmal die prophetische Blütezeit Israels durch. Es war kein klagender, wie die meisten jüdischen Dichter der Diaspora, er war ein Sänger des Frühlings seines Volkes, ein Sänger der Liebe und des Lebens. Mich ah Josef Kohen Lebensohn ward geboren zu Wilna am 7. Adar 1828. Er war ein schwächliches Kind, zeichnete sich aber schon früh aus durch auffallende Begabung, Gefühlswärme, Herzensgüte und einen Hang zur Schwärmerei und Phantastik. Sein Vater, der sich bereits als Dichter, Exeget und Sprachforscher einen Namen gemacht hatte, ernährte sich damals von dem Gewerbe eines . . . Vermittlers in Geldgeschäften. Den ganzen Tag über lief er zwischen den Geldverleihern und ihren Kunden, die ihm unbegrenztes Vertrauen schenkten, hin und her, um für seine Familie den Lebensunterhalt zu erwerben, doch die Nacht war der Dichtkunst, der Forschung, dem Studium und den Grübeleien geweiht. Als Kind sah Lebensohn in seinem Elternhause die Besten der jüdischen Intelligenz Wilnas und aller, die in irgend einem Verhältnisse zur Litteratur standen, denn alle scharten sich um seinen Vater, der einer der ersten Kämpfer für Aufklärung und Wiederbelebung der hebräischen Sprache war und in dem sie ihren Meister erblickten. Adam Lebensobn unterschied sich in Lebensweise und Aufführung nicht von seiner altfrommen Umgebung, doch seine Kinder erzog er nach eigenem Sinn. Was er infolge mangelhafter Erziehung sein Leben lang entbehren musste — eine gründliche Kenntnis der modernen Sprachen — das sollte der Sohn besitzen. Der junge Michah Josef las also die Propheten gleichzeitig mit Homer und Virgil, Jehuda Halevi mit Schiller, Victor Hugo und Mickiewicz. Doch seine Liebe zur hebräischen Sprache, die er mit der Muttermilch eingesogen, seine seelische Verwandschaft mit den Propheten, die Sehnsucht nach der Wiege des jüdischen Geistes behielten in ihm stets die Oberhand. Früh schon umstrahlte ein poetischer Reiz seine Stirn, alle, die in seinem Vaterhause aus- und eingingen, gewannen ihn lieb, man prophezeite ihm eine grosse Zukunft. Der Vater Hess ihm Unterricht im Deutschen, Französischen und Polnischen ei teilen. Mit besonderer Vorliebe eignete sich der Knabe die deutsche Sprache an, in der er schon im Knabenalter einen hübschen Aufsatz über das Alpengebirge schrieb. Ihm waren früh schon die Niederungen des Lebens zu enge, sein Geist sehnte sich nach den Höhen, als siebenjähriger Knabe liebte er es, auf den Anhöhen in der Umgegend von Wilna zu lustwandeln und abends den gestirnten Himmel anzuschwärmen, der die Kinderaugen mit seinem mächtigen Zauber lockte. Die deutsche Sprache vermittelte ihm nicht nur allgemeine Bildung, sondern auch die vertiefte Kenntnis der jüdischen Wissenschaft. Die Werke der jüdischen Forscher Deutschlands führten ihn in die Geschichte der hebräischen Poesie, des jüdischen Volkes und des Landes seiner Urväter ein. Im zwölften Lebensjahre fing er an, Gedichte zu

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