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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 247 - 248

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Nietzscheanismus und Judentum
Date
1902-04-01
Page
Seite 247 - 248 (sequence 4)
Language
German
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247 Achad Ha'am: Nietzscheanismus und Judentum. 248= Menschheit. Zwar sprachen die Propheten die Hoffnung aus, dass das Judentum auf den ethischen Zustand auch der übrigen Völker günstig einwirken werde. Aber sie dachten sich diesen Erfolg als ein Resultat, das sich von selbst aus dem Vorhandensein des höheren Moraltypus innerhalb des jüdischen Volkes ergeben wird, nicht aber, dass die Existenz des jüdischen Volkes kein Selbstzweck sei, sondern lediglich dem Streben nach der Herbeiführung jenes Erfolges zu dienen habe. Die Völker sind es, die da rufen: r Wohlan, lasset uns hinaufziehen den Berg des Herrn, dass er uns lehre seine Wege, dass wir wandeln in seinen Pfaden!"6), nicht aber; dass die Juden riefen: r Wohlan, lasset uns hinausziehen zu den Völkern, dass wir sie lehren die Wege des Herrn, dass sie wandeln in seinen Pfaden!" Dieser Grundgedanke lässt sich arber noch vertiefen und zu einem ganzen System erweitern. Denn auch die tiefe Tragik, die sich in unserm modernen Geistesleben offenbart, ist vielleicht nichts weiter als die Folge des innern Widerspruches zwischen der Auserwähltheit in ihrer potentiellen und ihrer realen Form. Während nämlich einerseits der Glaube an unsere sittliche Veranlagung, durch die wir vor den anderen Völkern die „Auserwählten" sind, und an unsere nationale Mission, in der Welt der Ethik das „Uebervolk" zu sein, in unserm Innern — wenn auch nur in Form eines instinktiven Gefühls — noch immer lebendig ist, nehmen wir andererseits unwillkürlich wahr, dass seit der Zeit, da wir das Ghetto verliessen und uns am Kulturleben der anderen Völker beteiligten, dieser Vorrang nur noch potentiell vorhanden ist. Real sind wir aber! auch in sittlicher Beziehung den anderen Völkern nicht mehr „über", und so konnten wir unsere Mission nicht in Eriüllung bringen, weil wk nicht die Möglichkeit besassen, unserm Leben eine Gestalt zu geben, die unserer Eigenart konform wäre und nicht von einer fremden Meinung und einem fremden Willen diktiert würde. Wer weiss also, ob nicht unter jenen neuen Zionisten, die mit ihrem Munde für die wirtschaftliche und politische Motivierung des Zionismus eintreten und die nationale „Auserwähltheit" wie die ethische „Mission" ungläubig belächeln, — cb es nicht auch unter ihnen viele giebt, die im Innersten ihres Herzens zu der Zionsidee nur durch den ei wähnten Widerspruch geführt wurden, der sie unbewusst treibt, ihrem Volke eine feste Stätte zu sjichen, -damit es noch?; einmal die Möglichkeit erhält, seine moralischen Anlagen zu ent-> falten und seine „Mission" als ein ethisches „Uebervolk" in Erfüllung zu bringen. Doch das gehört nicht mehr hierher. Ich hatte hier lediglich die Absicht, nachzuweisen, dass'jplie Lehre von der Umwertung aller Werte durchaus geeignet ist, mit der Lehre des Judentums eine tiefe und innige Verbindung einzugehen und dessen Gedankenschatz.in erwünschter und seiner Eigena:t entsprechender Weise 6) Jesa'a 2, Micha 4, 2. durch „neue, aber nicht fremde Ideen" zu bereichern,, oder, eigentlich gesagt, nicht einmal neue, denn schon vor acht Jahrhunderten lebte auch im jüdischen Volke ein Dichterphilosoph, Jehuda Halewi, der Wesen und Wert der Idee der Auserwähltheit erkannte und sie zum Grundstein seines Systems machte in einer dem obigen ähnlichen Weise, wenn auch in anderem Stile 7) ^as wurde nun aus diesem Gedanken unter der Hand unserer jungen Schriftsteller? Seine fundamentale Neuheit undOriginalität wurde von ihnen bei Seite gelassen, und sie entnahmen ihm bloss das „neue Wort" und das arische Element, welches ihm das persönliche Empfinden seines Schöpfers beigesellt hatte. Und mit diesem wollen sie ihr Volk beglücken und es in seinem Greisenalter umgestalten! Nicht die Befreiung des höheren Typus von seiner Gebundenheit an das Wohl des grossen Haufens wurde ihnen zur Hauptsache, sondern die Befreiung des materiellen Lebens von seiner Gebundenheit an ein geistiges Prinzip, das ihm Schranken auferlegt. Eine derartige Anschauung kann aber niemals mit dem Judentum vereinigt werden. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn sie einen „Riss" in ihrer Seele empfanden und nun zu lärmen begannen: neue Werte! neue Tafeln! An Stelle der „Schrift" komme das „Schwert", an Stelle der Propheten — die blonde Bestie! Besonders nahm dieser Lärm im letzten Jahre überhand, und wir hören tagtäglich den Ruf, dass unsere ganze nationale Welt bis auf den Grund zertrümmert werden müsse, um alles von Grund auf neu zu bauen. Aber man sagt uns nicht, wie man mit einem Streiche die nationale Grundlage eines Jahrtausende alten Volkes in Trümmer schlägt, und wie man einem Volke eine neue Lebensordnung schafft, nachdem man den innersten Kern seines Wesens vernichtet und seinem historischen! Lebensgeist den Garaus gemacht hat. Wir können es begreifen — und auch dulden —7 wenn einzelne Glieder des jüdischen Volkes, hingerissen von dem Ideal des Uebermenschen in seinem Nietzscheschen Sinne und begeistert von der Predigt des „gottlosen Zarathustra", den „Gott Israels" verleugnen und ihr individuelles Leben nach diesen „neuen Tafeln" einzurichten suchen. Aber wir können es nicht begreifen — geschweige denn dulden —, wenn wir die seltsame Erscheinung beobachten, dass diese Stürmer "*) Vgl. das Buch Kusari (das religionsphilosophische Werk Jehuda Halewi's) den ersten Abschnitt, in welchem dargelegt wird, dass das „Element desGöttlichen"sich immer nur in einzelnen hervorragenden, für die Aufnahme desselben besonders disponierten Individuen verkörpere,deren Vorrang auf ihre auserlesensten und dieses Vorzuges würdigsten Nachkommen übergeht. Die diese Auszeichnung geniessen, sind die Auslese, der „Kern". Die übrigen — man möchte sagen die „Vielzuvielen" —sind bloss die „Schale", der „Umschweife, wie Nietzsche sagen würd». Die zwölf Söhne Jacobs;\#aren infolge besonderer Veranlagung sämtlich jenes Vorranges teilhaftig, der sich deswegen in besonders ausgedehntem Maasse auf das von ihnen abstammende Volk Israel übertrug. Die Juden sini daher das auserwäVlte Volk.' Als solches sind sie das Herz unter den Nationen, welches rascher und feiner empfindet, aber auch in viel höherem Maasse Schmerzen und Leiden ausgesetzt ist. An-rerkung des Ucbcrsetzers.

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