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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 237 - 238

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Eine ostjüdische Bühne in Wien
Date
1902-04-01
Page
Seite 237 - 238 (sequence 2)
Language
German
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237 Mathias Acher: Eine ostjüdische Bühne in Wien. 238 wisse Cafes, und lasse abends die künstlerische Blüte dieser Dämmerungskultur, die berühmte „Klabrias- Partie" der „Budapester" auf sich wirken. Doch, wie dem auch sein mag, jedenfalls sind auch die „nichtpolnischen" Wiener Durchschnittsjuden noch jüdisch genug, um an den Vorstellungen der „Poliscben" einigen Gefallen zu finden. Und das Facit ist, dass das „Volksorpheum" durchaus auf ein Publikum angewiesen ist, dessen Geschmack mehr oder weniger vom Genre der „Klabriaspartie" verdorben, dessen Verständnis für ein gesundes, lebendes jüdisches Volkstum mehr oder weniger verkümmerl ist. Die ungünstige Rückwirkung auf die Truppe selbst kann nicht ausbleiben. Sie äussert sich schon in der Einschränkung des rein theatralischen Programms. Doch mag diese Einschränkung zum grossen Teile einfach darauf zurückzuführen sein, dass die Behörde das eigentliche Komödiespielen nur in konzessionierten Schauspielhäusern zulässt. Und übrigens, man verliert wahrlich nicht viel, wenn man diese kläglichen „Stücke" nicht ganz, sondern nur in freilich noch kläglicheren Aviszügen zu hören bekommt. Bedenklicher ist schon, dass, um mit den „Budapestern" konkurrieren zu können, der Zote ein etwas breiterer Spielraum gewährt wird. Aber auch das Hesse sich noch ertragen. Denn erstlich ist nun einmal eine jede Singspielhalle auf solche gewürzte Kost eingerichtet und zweitens kann man es unserer Truppe nicht absprechen, dass sie verhältnismässig sozusagen die keuscheste von Wien ist, dass die Herren und Damen der Gesellschaft bei ihren Zweideutigkeiten fast nie die Grenze des Aesthetischen überschreiten und nie in Haltung oder Kleidung ihre Menschenwürde prostituieren. Wirklich gefährlich ist nur eine andere Nachgiebigkeit der Truppe gegenüber dem Publikum — umso gefährlicher, als etwas eingeräumt wird, was niemand verlangt und wodurch das Gegenteil des Angestrebten erreicht wird. Die guten Leutchen glauben nämlich, in ihren dramatischen Aufführungen die Rollen von Standespersonen, assimilierten jüdischen Bourgeois, besseren Liebesleuten u. s. w. hochdeutsch sprechen zu müssen. Diese Uebung kann nun wohl zum Teil mit der Unzulänglichkeit der Dichtungen entschuldigt werden. Sentimentales Gequatsch ist eben in der allermodernsten Sprache, dem Jüdischen, einfach unmöglich, und so greifen die Schauspieler unwillkürlich zur deutschen Sprache, die für derlei Schmachtseligkeiten noch immer ein wenig Ausdrucksmöglichkeit übrig hat. Doch damit ist die Sache, wie erwähnt, nur zum kleinsten Teil erklärt. Vielleicht könnte man auch für gewisse Gestalten, etwa die von Emporkömmlingen, annehmen, dass sie durch das schlechte Hochdeutsch realistisch gezeichnet werden sollen. Doch auch damit ist es nichts. Denn es ist den Schauspielern ganz gut anzumerken,, dass sie nicht sprachlich schildern, sondern einfach die betreffenden Szenen gut hochdeutsch sprechen wollen. Und dazu kann sie im besten Falle nur'ein veralteter, bei dem gegenwärtigen Entwicklungsstadium des Jüdischen längst überholter Instinkt verleiten. Ich glaube aber nicht einmal daran, sondern bin überzeugt, dass weiter nichts als eine Verbeugung vor dem Publikum beabsichtigt ist, das sich freilich wenig dankbar erweist. Bedenkt man, dass die deutsch gesprochenen Stellen gewöhnlich schon vom „Dichter" aus durch ihre empfindelnde Unechtheit komisch wirken, so kann man sich ungefähr vorstellen, wie das Publikum sie aufnimmt, wenn sie auch noch in unbeschreiblich fehlerhaftem und garstig ausgesprochenem Deutsch vorgetragen werden. Die paar feineren Kenner schämen sich still in die Seele hinein. Die Menge aber lacht in den tragischesten Situationen hell auf. Würden nicht die Äusdrucksschärfe und Kratt des jüdischen Dialogs, namentlich aber die volkssängerischen Teile des Programms für die geschilderte Pein und Lächerlichkeit reichlich entschädigen, die Gäste aus dem Osten hätten schon längst ihr Bündel schnüren müssen. Jedenfalls thäten sie gut daran, ihre quasideutsche Parade abzulegen. Sie sollen das Publikum, das durch sie unleugbar auf einen guten Weg geleitetet ist, vollends zu sich hinaufziehen, zu einem vollen Sich-Einleben in eine neue jüdische Kultur, statt zu ihm hinabzusteigen in die Niederungen des Gemauscheis. Sie mögen das Mauscheln lassen und jüdisch sprechen! Allerdings müssten auch die Stücke besser werden. Eine wirklich dramatische Poesie hat die junge Sprache — die in Prosadichtung (z. B. Perez!) und in der Lyrik (z. B. Morris Rosenfeld!) schon so grosses geleistet — noch nachzuholen. Dass es ihr gelingen wird, ist unzweifelhaft*) Und dann wird es vielleicht *) Siehe über diesen Gegenstand eine Artikelserie von „Pantarhei" in der „Welt" vom vergangenen Herbst.

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