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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 239 - 240

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Eine ostjüdische Bühne in Wien
Date
1902-04-01
Page
Seite 239 - 240 (sequence 3)
Language
German
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239 Mathias Acher: Eine ostjüdische Bühne in Wien. 240 auch eher möglich sein, auch die im vollen Wortsinn westlichen Juden mit einem Stück Verständnisses der Kultur ihrer östlichen Brüder auszustatten. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich muss nämlich aufrichtig gestehen, dass ich dem Programme „Ost und West" sehr verzagt gegenüber stehe. Es giebt unter uns hunderttausenden westlichen Juden in Wirklichkeit nur einige wenige Männer, die infolge besonders günstiger Um stände— sei es eines besonderen völkerpsychologischen Genies oder infolge einer Art Mischlingsabkunft oder durch lebenslangen Umgang mit östlichen Juden — das Judentum des Ostens kennen. Und nicht nur, dass w^ir es nicht kennen, wir haben noch einen Dünkel, dass Gott erbarme! Wir hören jahrein, jahraus von unseren Antisemiten, dass wir als geborene „Händler" schwere Arbeit scheuen und führen gern zur Entkräftung dieser Behauptung die russisch- und polnisch-jüdischen Arbeiter von Odessa, Warschau, Wilna, Lemberg, London und New York ins Treffen. Aber gleich darauf blicken wir auf dieselben Leute, mit welchen wir soeben die Ehre unseres Stammes gegen den schwerstwiegenden Angriff retteten, mit unsäglicher Verachtung hinab. Das macht weil die Ziffern eben nur Ziffern sind, die wir in jüdischen Blättern aufgelesen haben, weil wir für die ganze grossartige moderne soziale Umgestaltung des ostjüdischen Volkselementes kein Verständnis haben, vielmehr in unserer satten Selbstvergnügtheit nichts sehen, als die ins Aussterben eingetretenen Bettel- und Betproletarier, als den sich immer mehr verengenden Kreis von Händlern, deren Krämergeist uns nur deswegen so widerwärtig ist, weil er um einige Grade kleinlicher ist als der bei uns landesübliche. Und ebenso , wie wir über den sozialethischen Wert der Juden des Ostens aburteilen, ohne sie genau zu kennen, ebenso beruht unser Urteil über ihre Sprache auf Unwissenheit und Dünkel. Wie erhaben denken wir uns mit unserem Deutsch über diesen Leuten, die gar keine europäische Sprache sondern einen — Jargon sprechen. Dass wir aber nur gelernt haben, eine fertig vorgefundene Sprache zu gebrauchen, wobei wir noch immer in weiten Kreisen gegen das „Mauscheln" ankämpfen müssen, während sie mit schöpferischem Sprachgenie daran sind, eine neue europäische Sprache zu schaffen — was ficht das uns an? ScblafUed für JNlirjam von Riebard Beer-fiofmann. Schlafe, mein Kind — schlaf, es ist spat! Sich, wie die Sonne zur Ruhe dort geht, Runter den Bergen stirbt sie im Rot, Du — du weisst nichts von Sonne und Cod, blendest die Hugen zum Licht und zum Schein; Schlaf, es sind soviel Sonnen noch dein, Schlafe, mein Kind — mein Kind, schlaf ein! Schlafe, mein Kind — der Hbendwind weht; QXeiss man, woher er kommt, wohin er geht? Dunkel, verborgen die Siege hier sind Dir und auch mir und uns allen, mein Kind! Blinde — so geb'n wir und gehen allein, Keiner kann keinem Gefährte hier sein — Schlafe, mein Kind — mein Kind, schlaf ein! Schlafe, mein Kind, und horch nicht auf mich! Sinn hat's für mich nur und Schall ift's für dich Schall nur, wie Slindsweh'n und SHassergerinn, Älorte — vielleicht eines Lebens 6ewinn! Cdas ich gewonnen, grabt mit mir man ein, Keiner kann keinem ein 6rbe hier sein — Schlafe, mein Kind — mein Kind, schlaf ein! Schläfst du, Mirjam? — Mirjamf mein Kind, tlfer nur sind wir, und tief in uns rinnt Blut von 6ewes'nen, zu Kommenden rollt's, Blut unserer Täter, voll dnrub und Stolz. In uns sind alle. CCler fühlt sich allein? Du bist ihr Leben — ihr Leben ist dein — Mirjam, mein Leben — mein Kind, schlaf ein! (Pan, Band IV, Heft 2.)

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