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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 235 - 236

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Eine ostjüdische Bühne in Wien
Date
1902-04-01
Page
Seite 235 - 236 (sequence 1)
Language
German
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235 236 EINE OSTJUEDISCHE BUEHNE IN WIEN. Ein kleiner Beitrag zum jüdischen Kulturproblem. Von Mathias Acher. Seit ungefähr einem Jahre tritt in Wien eine ostjüdische Schauspieler- und Volkssängertruppe auf, die alle Beachtung verdient. Zunächst schon wegen der unleugbaren künstlerischen Begabungeiniger mitwirkender Kräfte. Zwar finden dieselben wenig Gelegenheit, speziell schauspielerisches Talent zu entwickeln. In starkem Maasse konnte ich solches nur an Frau Axelrad, die ich übrigens bloss einmal sah, wahrnehmen. Ihr feines, schmiegsames Spiel verblüffte mich geradezu. Doch auch Frau und Herr Kanner — namentlich die erstere — möchte ich als Schauspieler bezeichnen, deren sich keine grosse europäische Bühne zu schämen brauchte. Doch werden just diese beiden zumeist für die Gesangskomik des Brettls ausgenützt. Und dies vielleicht nicht einmal zu ihrem Nachteile. Denn sie zeigen auf diesem Boden eine hohe Künstlerschaft. Was sie bieten, ist die Erfüllung dessen, was ich als die reine Idee des Brettls bezeichnen möchte, nämlich die eigenartige Seele eines Volkes diesem Volke selbst ohne tiefere Perspektiven vorzuführen. Ganz dem Brettl gehört Frau Klug an, die in ihren chassidischen Hosenrollen eine ebenso charakteristische als prächtige Erscheinung ist, und Frau Weinberg, die zwar keine Spur von Genialität autweist, aber in ihrem Auftreten und ihren Bewegungen den Begriff des jüdischen „Cheen" — gegenüber der Grazie der Französin und der Lieblichkeit des deutschen Gretchens — in interessanter Weise verkörpert. Ich könnte noch einige Mitglieder der Truppe sehr lobend, manche auch tadelnd erwähnen. Aber das würde mich zu weit führen. Im Grunde ist die Truppe für uns weniger durch ihre Darsteller als dadurch von Bedeutung, dass sie einigermassen das jüdische Kulturproblem, insbesondere die Frage des ost-westjüdischen Kulturgegensatzes und Kulturgrenzgebietes in Erinnerung ruft. So ist schon die Betrachtung des Stammpublikums des „Volksorpheums" — wie sich die Truppe geschmacklos genug nennt — recht lehrreich. Proletarier sind fast gar nicht zu sehen, weder solche, die aus dem Osten stammen, noch im Westen heimische. Die ersteren würden wahrscheinlich gerne kommen, aber sie gehören zu den allerärmsten Leuten, für die auch das kleinbürgerlich bemessene Eintrittsgeld des „zweiten Platzes" unerschwinglich ist. Die anderen wiederum sind vielleicht zum Teile ein bischen besser gestellt, aber gewöhnlich schon ohne alle Beziehungen zum jüdischen Leben. Eine kleine Besucherschichte bilden die Intellektuellen, — Schriftsteller und Künstler, die in irgend einem festeren oder loseren Verhältnis zu den verschiedenen jüdischen Renaissance-Bestrebungen der Gegenwart stehen, oder sich auch nur für dieselben interessieren. Der weit überwiegenden Mehrheit nach gehört das Publikum dem Mittelstände, einschliesslich der Berufsintelligenz, an. Selbstverständlich sind es zum grössten Teil Leute, die aus den ostslavischen Ländern stammen. Hierbei darf aber nicht übersehen werden, dass die „polnischen" Kreise in Wien ihren ostjüdischen Volkscharakter nicht rein bewahren. Wohl ist eine geistige Differenziertheit gegenüber den Juden westlichen Ursprungs bis ins zweite und dritte Geschlecht deutlich zu merken, aber andererseits verliert schon die eben eingewanderte Generation den lebendigen Zusammenhang mit dem Kulturganzen, aus dem sie hervorgegangen ist und nimmt Empfindungs- und Geschmackselemente aus ihrer Umgebung, dem Mittelstande westjüdischer Herkunft, in sich auf. Uebrigens stellt auch dieser ein stets wachsendes Kontingent zu den Aufführungen der „Polischen", denn auch e r ist noch lange nicht kulturell so entjudet, wie etwa der jüdische Mittelstand im Deutschen Reiche. Im Wiener Judentum ist nämlich der mährische und ungarische Einschlag ein sehr bedeutender; für diesen Herkunftskreis giebt es aber gewisse orthodoxe1) Brennpunkte, von welchen starke jüdische Strahlungen ausgehen, die selbst an den Peripherien noch einigermassen leuchten. Allerdings vermag man dieses Lichtes kaum froh zu werden. Die Formen, die es sehen lässt, sind manchmal harmlos grotesk, oft aber geradezu widerlich. Wer sie studieren will, besuche nachmittags ge- J) Die österreichische Orthodoxie (mährisch-ungarischer Observanz) scheint mir ungefähr die Mitte zu halten zwischen dem reichsdeutschen neo-orthodoxen jüdischen Kirchentum und dem frommen Volksglauben der östlichen Juden.

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