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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 221 - 222

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Die erste Pessach-Nacht
Date
1902-04-01
Page
Seite 221 - 222 (sequence 3)
Language
German
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221 &ch. Rosenfeld : Die erste Pessach-Nacht. 222 der grossen, schonen Natur selbst ein Stück Natur werden. Mit hellen Augen werden sie die Natur beschauen und ihre starken Herzen werden lernen, sie lieben und in ihr und mit ihr zu leben. Einst! Doch wann?--- Wenn Menschen da wären! Die Zeit ist gekommen. Die grosse Zeit ist da. Doch sie ist gekommen für ein Geschlecht von Zwergen. Lang und finster ist die Nacht. Die Alten schlafen und die Jungen phantasieren. Die Alten sind wie Tote im Grabe, und ihr Reden ist gleich Stimmen aus Grüften. Die Jungen ziehen herum, versprengt und zerstreut. Auf allen krummen Wegen und gewundenen Pfaden magst Du sie finden. Und wie könnte es anders sein? Die Väter erkennen ihre Kinder nicht, die Brüder nicht ihre Schwestern. Wild fremde sind sie untereinander. Sitzen im Elternhause an einem Jochebed. Tisch, und leben doch in einer ganz anderen fernen Welt. Die Eltern verstehen das nicht. Irrtümlich halten Sie ihre Kinder für solche, „die nicht zu fragen verstehen4'.1) Mit Recht aber halten die Kinder ihre Eltern für die „Naiven" und schweigen. Beide schweigen. *) Die Ilagachh stellt vier Typen auf: den „Frevler", den „Weisen", den „Naiveu" und „den, der nicht zu fragen versteht.u Mit Ungeduld erwarten die Kinder den Augenblick, wo sie sich von der Enge und Dumpfheit des Elternhauses losreissen können. Ist er da, dann stürzen sie hinaus, nackt und bloss, ohne ein Stückchen Judengefühl und Judengeist mitzunehmen, hinaus in die freie Welt und laufen, laufen, wohin sie ihr Blick leitet. Fern vom Elternheim, zerbrochen und zerrüttet, seelisch zerrissen und zerzaust, machen die Flüchtigen Halt. Wenn sie dann erfahren, wer sie sind und wo sie sich befinden und dann wieder ihren Schritt zurücklenken zum heimatlichenHaus, und wenn sie nun in die Elternstube Luft und Leben hineintragen und vo n d en alten Wän - den der Baracke den Schimmel und die Fäulnis wegwaschen wollen — da fasst die Alten ein entsetzlicher Schrecken und einer um den anderen schreit: „Hakheh es schinow!" „Mach' seine Zähne stumpf!''2) Alte Gräber sind die Häuser. Keissen die Kinder die Gräber auf, wecken sie die Toten aus ihrem Schlaf, dann entsteht ein Aufruhr auf dem Friedhof". Mit Stimmen, die wie unterirdisch klingen, ruft man den Ruhestörern zu: ,,Stumpf mögen Eure Zähne werden!"' Und die Friedhofsdiener heben ein wildes Gelächter an, sie treiben und jagen die ,,Jungen" und haben immer ein paar schlagfertige Gesellen bereit, die Kuns.vorlag Phönix, Berlin. 2) Sinngemässe Uebersetzung des vorstehenden Zurufes, der dem „Frevler" gilt.

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