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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 223 - 224

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Die erste Pessach-Nacht
Date
1902-04-01
Page
Seite 223 - 224 (sequence 4)
Language
German
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223 Sch. Rosenfeld: Die erste Pessach-Nacht. 224 sie gegen sie hetzen. Sie müssen so thun, die Friedhofsdiener. Sie ziehen ja ihr Brot aus den Gräbern. Die „Naiven" und „die nicht zu fragen verstehen", sind jetzt am besten daran: die Diener befehlen, alle sollen gleich fühlen, gleich denken. Noch besser, gar nichts fühlen, gar nichts denken. Die Eltern verstehen ihre Kinder nicht. Sie wissen nicht, dass nur diejenigen, welche fragen, ihre Kinder sind. Darum schreien sie in unsinnigem Chor: „Mach' seine Zähne stumpf!" Als wären es Wildfremde, um die es geht---" Die Stimme verstummte auf einige Augenblicke. Dann klang es wieder, doch mit verstärkter Wehmut: „Einst hab' auch ich mich vom Geiste des Fluches: „Mach' seine Zähne stumpf!" treiben lassen. Ein Fell habe ich um meinen Leib gelegt und die härene Seite des Felles hab' ich nach aussen gekehrt. Mit einem Ledergurt hab' ich mich umgürtet, und es war ein Schrecken, mich anzusehen. Mit Donner und Blitz, mit Sturm und Feuer habe ich gewettert gegen meine Gegner. 450 Menschen hab' ich an einem Tag hinschlachten lassen. Ich war der erste Eiferer. Dann aber hat Gott sich mir offenbart auf eine wunderbare Art. Es sprach zu mir der Ewige: Geh hinaus und stell dich auf den Berg vor den Herrn. Denn siehe: Gott gehet vorüber . . . Und ein grosser und starker Wind, der Berge zerriss und Felsen zersprengte, ging vor dem Ewigen her. Und der Herr war nicht in dem Winde. Und nach dem Winde kam ein Erdbeben. Und der Herr war nicht in dem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer. Und der Herr war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Säuseln. Und im sanften Windeswehen war der Herr .... Und ich fiel auf mein Antlitz. Und ich wendete mein härenes Gewand. Und ich gelobte, sanft und milde zu sein. Doch von dieser Stunde ab irre ich und kann meine Ruhe nicht finden. Nach meinen Tagen hat der Geist des Eiferns, den ich gelehrt habe, viel fruchtbare Zweige vom jüdischen Baume gerissen und in fremde Gärten geworfen: Acher und Jischai, Ibn Esra und Acosta, Spinoza und Maimon — ob auch das Volk sich nicht scheut, sich ihrer zu rühmen. Und nicht früher werde ich zur Rühe kommen, als bis der Geist des Eiferns, der die Gegner verbrennt, erstorben sein wird unter den Juden. Doch noch lebt er. Sehr wenig grüne Zweige halten sich auf dem jüdischen Baum, und schneidet man auch die ab, dann muss der Baum endlich verdorren. Und doch — man schneidet und schneidet immerzu, und der Baum ist besät mit schwarzen und roten Flecken. Und solange das nicht anders wird, muss ich rastlos umherirren! Zu allen jüdischen Freudenfesten komme ich, um die Wehmut ihrer Freuden zu schlürfen. — Wehmut wird immer genug sein. An jeden Pessachtisch trete ich, um den Trauerbecher, der für mich bereit steht, zu leeren.--- Sie verstehen mich nicht. Und das wird währen, bis das Lager der „Jungen" grösser werden wird, bis sie jede Ichsucht bezähmend, sich von allen fremden Feldern und Gärten zusammenscharen und vereinen werden, erfüllt von Milde und Duldung, von Wissen und Glauben, von Treue und Liebe für ihr Volk. Und sich so heimwärts wenden werden, um sanft und milde die Schläfer zu wecken, die Schwachen zu stärken, die Kranken zu heilen, die Mutlosen aufzurichten und lebendigen Geist einzuhauchen den Erstarrten! Dann will ich noch einmal den Sohofar ergreifen, dann will ich zum letztenmale den Flug fliegen von einem Ende der Welt zum andern, und wo nur ein Jude ist, will ich verkünden: „Der grosse Tag ist da, die Erlösung ist gekommen!" Eine furchtbare Erregung erfasst mich. Mein Herz klopft in immer stärkeren Schlägen. Immer kürzer und hastiger wird mein Atem. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Meine letzte Kraft nehme ich zusammen, und rufe mit einer Stimme, die nicht die meine ist: Eliahu! — — Da erwache ich. Alles verschwunden. Schlaf und Stille ringsum. Durchs Fenster aber dringen die ersten reinen Strahlen der jungen Morgensonne.

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