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Ost und West · 1902-04-01 · Heft 4 (April 1902) · p. Seite 219 - 220

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 4 (April 1902)
Article
Die erste Pessach-Nacht
Date
1902-04-01
Page
Seite 219 - 220 (sequence 2)
Language
German
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219 Sch. Rosenfeld: Die erste Pessach-Nacht. 220 Die Jungen? Die stehlen den „Aphikomen" und erhaschen sich Nüsse. Die Mütter? Auch die haben ihre Sorge: Dass man beileibe nicht ein Gerstenkorn in der Suppe finde und dass die „Pessach-Knödelchen" wohl geraten. Und die Töchter: Die haben zu Pessach — neue Hüte. Doch was noch, was noch? Leset in der Hagadah: Es sitzen mitsammen Rabbi Akiba, Rabbi Elieser, Rabbi Joschuah und Rabbi Tarphon. Sie sitzen die ganze Nacht und reden wegen der Erlösung ihres Volkes — da es Morgen wird, ruft man sie, — es sei Zeit, beten zu gehen. Und eine andere Menge sitzt da und beschäftigt sich mit Zahlenspielereien. Durch allerhand Kunststückchen gelingt es ihnen, aus den zehn Plagen hundert, aus den hundert zweihundert zu machen. Wie das sie glücklich macht! Rabbi Jehuda ist sogar so zufrieden mit den Plagen, dass er eigene Bezeichnungen für sie ersinnt. Und die „Geulah", die Erlösung des Volkes? Da ist einer, der genug für sie gethan zu haben glaubt, wenn er sich vorstellt, er sei mit dem Urahn aus Aegypten gezogen. Wahrhaftig, bei soviel Schwärmerei ist auch das „Chad-gadjah" ein poetisches Kunstwerk — —-- * Es war einmal — da fühlte man zu Pessach das Nahen einer köstlichen Zeit: Sieben Wochen frischen Lebens, sieben Wochen froher Arbeit. Freude und Sang auf Feldern und Hängen, unter Gottes reinem Himmel, in der freien Natur. Jetzt fühlt man am ersten Tage Pessach das Nahen von sieben Trauertagen und sieben Wochen voll Thränen. Man darf um Himmelswillen nicht froh sein, nicht einmal eine fröhliche Miene machen — dazu diese Welt voll Geheimnis, Spekulation und Kabbalistik. Und das Zeichen, das vor einem steht: Für den Tag der Woche, an den der Beginn des Pessach fällt, ist zugleich der Tischa-beab festgesetzt. Wie weit, wie weit sind wir von der Frische und Kraft des einfachen, schlichten Lebens! Wir sollen wachsen, wir wollen leben — und man balsamiert uns ein mit „Mizwoth", mit dumpfer Pietät und kalter Tradition.---- * * * Alles schläft. Hört man irgend ein Geräusch, so ist es der schwere Atemzug eines Todschläfrigen oder das Rascheln, wenn sich einer von der einen Seite nach der anderen dreht, um bequemer zu liegen. Alles schläft. Und ich fühle, dass nun die Müdigkeit auch mein Zimmer erfüllt. Doch es ist eine wunderbar süsse Mattigkeit, die mich einschläfert. Mir ist, als zöge ein wonniger Hauch an mir vorüber. Und langsam schliessen sich meine Augen — •-------- Strahlender Lichtschein erfüllt mit einem Male das Zimmer, so stark, dass er meine erstaunten Augen blendet. Und mit dem Leuchten vermengt sich ein köstlicher Duft. Ein wunderbar weiches Wehen streicht mir übers Haar und kost es, wie eine zarte Mädchenhand . . . Nun kann ich die Augen wieder öffnen. Und sieh: Aus dem schimmernden Licht strahlt ein noch helleres. Das ist ein weisses Antlitz voll unendlicher Güte und doch wieder voll Wehmut. In den schwarzen, seelentiefen, guten Augen brennt ein Feuer, das das Feuer des Geistes ist, der Jugend und doch auch des Schmerzes. Das lichte Antlitz ist prächtig umwallt von schneeweissem Haar. Und indes die Augen mich still und sanft anblickten, sprach zu mir eine Stimme, die weich und strenge zugleich war: „Die alten Bücher haben Stickluft um Dich herum verbreitet und rauben Dir den Atem Frische, würzige Luft und Frühlingsleben thut Dir not. Was Du fühlst, ist gut — doch Du hast nicht gut verstanden. Willst Du etwas verstehen, so musst Du wissen, warum es ist. Willst Du in öder Wildnis blühende Pflanzen suchen? Willst Du in Mumien lebendigen Herzschlag hören? Willst Du, dass die Entarteten und Zerrütteten klaren Sinnes seien? Du verlangst von der jüdischen Hagadah, was im jüdischen Leben nicht zu finden ist. Eine öde Wüstenei ist die Wohnstätte unseres Volkes, und gleich Mumien sind seine Menschen, entartet und zerrüttet. Doch nicht darin liegt sein Unglück. Sein Unglück ist, dass es seinen Niedergang nicht fühlt, nicht ahnt, wie sehr es herabgekommen ist. ... Nicht hier ist der Ort, wo ein wahres Leben des Volkes beginnen kann. Unser Volk wird ein neues Fühlen lernen, wenn es aus der Wüste in sein grünendes Land ziehen wird. Dann wird sein Leben lebendig sein, dann wird es im jungen Frühling jung sein und in

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