Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Mordachai Z'bi Manne
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 197 - 198 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
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197 Dr. Rosenthal: Mordachai Z'bi Manne. 198 einem Uhrmacher. Seine Geschicklichkeit schien hier die richtige Gelegenheit zur Bethätigung zu finden, und er gab sich viel Mühe. Aber sein Vater kannte ihn. Er wusste, dass jede geistlose Beschäftigung eine Qual für seinen Sohn werden müsse. Man verfiel auf den Gedanken, ihn Sofer (Thoraschreiber) werden zu lassen. Da hätte sich sicher das alte Wort der Weisen an ihm erfüllt, das den Soferim keine Erdenschätze, nur bittere Armut prophezeit. Wohlmeinende Personen, selbst Soferim, rieten davon ab und wiesen auf Wilna hin, woselbst neben vielen jüdischen Lehranstalten eine Malerschule vorhanden war. Es war allerdings kein glänzender Einzug, den der arme Jüngling in Wilna hielt — keine Bekannten erwarteten ihn dort. Aber das Lehrhaus, das Jedem offen stand, wurde auch hier, wie in Minsk, sein Zufluchtsort. Josua Haschel aus Wolosin nahm sich bald seiner an, förderte sein Streben nach allgemeinem Wissen und brachte ihn — unter den Bachurim etwas Unerhörtes! — dazu, dass er die Malerschule, das Ziel seiner Sehnsucht, besuchen durfte. Allerdings musste diese im Bethammid rasch verbotene Kost im Stillen genossen werden, damit kein Aufsehen bei den Meistern des Lehrhauses erregt wurde. Auch hier traten ihm zunächst Hindernisse entgegen. Er verstand die Landessprache nicht, was ihn vielen Spöttlreien und Demütigungen aussetzte; auch seine Armut blieb ihm noch treu und erliess ihm nichts von ihren Bitternissen. Aber seinem Fleisse und der ihm angeborenen Entschiedenheit gelang es, Fortschritte in der Zeichenkunst zu machen. Und als er sich darin sicherer fühlte, da duldete er das Keimlichthun nicht länger, das seinem ehrlichen Sinne widersprach. Er trat offen damit hervor, ob es ihm auch Nachteile bringen mochte — lieber entsagte er dem Gnadenbrod, das ihm seine Wohlthäter unter der Bedingung der Abhängigkeit darboten. Er nannte sich nun „Maler Manne". Nun bedurfte er der Mitstrebenden, und sie fanden sich. Wir Wullen den Namen eines der trefflichen Männer nicht verschweigen, die seinem _ Streben Verständnis entgegenbrachten. Es war dies Samuel Zier, mit welchem ihn eine innige Freundschaft weiterhin vereinte. Da der enge Zwang des Bachurlebens von ihm gewichen war, ging er mit seinen Freunden ins Freie hinaus, und der Anblick der Fluren und der Hauch der Waldluft rief in ihm die schönsten Blüten der Dichtung hervor. Da ich auf die Berge, die freien, gestiegen, Fühlt' ich gleich dem Adler mich aufwärts fliegen Tief unter mir liegen die Häuser im Thal, Hier einsam schreit' ich im Frühlingsstrahl. Da steigt mir empor der Genossen Bild, Die mit neuer Freude mein Herz erfüllt, In jedem Zweige mein Aug' sie sieht, Ein jeder Vogel mir singet ihr Lied. Konnte er anders, als die Freunde und die Fluren vereint besingen, da in ihm durch ihre Teilnahme erst Neigung zur Welt und ihren Freuden erwachsen war? Man höre sein Nachtlied: Tag ging hin, Sonne schwand, Mondlicht strahlt Ueber's Land. Kühlen Hauchs Schläft der Wald, Drin kein Ton Widerhallt. Alles schläft — Tiefe Ruh! In mir pocht's Immerzu! Wilder Sturm Tobt darin; D'rum ich stets Schlaflos bin. Mahnt das nicht an die Unmittelbarkeit Göthe'scher Nachtlieder? Das leise Weben des Frühlings, die Herrlichkeit der Rose, der Gottesdienst, den die Fluren vor der Gottheit abhalten, der Trost, den der Anblick der Frühlingsau dem Leidenden bietet — das alles lebt in seinen Liedern. Mit den Augen des Malers hat er die Welt geschaut, und er sieht in allen Pflanzen und Lebewesen seine Genossen, das Spiegelbild seines eigenen Wachsens und Strebens. Er wurde mit dem Schriftsteller und Sprachgelehrten Arjeben Zion Zihling bekannt, der den Ueberschwang des jungen Dichters mässigte und seinen Versen Maass und dichterischen Gleichklang verlieh. Der Einfluss solcher Freunde brachte ihn dazu, das Lob seiner Genossen überschwänglich zu singen. Diese Bestrebungen wurden plötzlich durch eine Krankheit gehemmt. Seine Jugendkraft erhob sich jedoch wieder, er beendete seine Arbeiten an der Wilnaer Malerschule, wurde mit einem guten Zeugnis entlassen. Er kehrte in seine Vaterstadt zurück, wo er den Sommer hindurch blieb, um sich auf die Malerakademie in Petersburg vorzubereiten. Die Dichtungen aus dieser Zelt spiegeln keine glückliche Stimmung wieder. Es sind meist Nachtlieder, wie das obige, die aber auch die Nachtseite des Dichterlebens hervortreten lassen. Des Tages Flammen schwanden, Die Sonn' umfing der West, Und alle Müden fanden Ein stilles Ruhenest. Ich geh' aus dem schweigenden Haus' Auf das Feld, auf die Heerstrass' hinaus, Und die Zweige winken mir zu, Und die Gräser: Wir bringen dir Ruh'. So lass' ich hier mich nieder. Frei in die Ferne schweift Der Geist, und immer wieder