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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 199 - 200

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Mordachai Z'bi Manne
Date
1902-03-01
Page
Seite 199 - 200 (sequence 3)
Language
German
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199 Dr. Rosenthal: Mordachai Z'bi Manne. 20O Vergangnes mich ergreift. Vergiss die entschwundene Zeit! Ruh' aus von entwichenem Leid! Wo der Kämpfer die Hoffnung verlor Und schon stand vor der Ewigkeit Thor. Aus solchen Betrachtungen rafft er sich immer wieder auf — er kehrt ins Haus zurück, neue Hoffnungen erwachen in ihm, er denkt an die Hauptstadt, und die Bestrebungen, die ihn dort erwarten — aber der Keim der Krankheit ist, wie diese Verse selbst in ihrer Ruhelosigkeit zeigen, in ihm geblieben. Er braucht es uns nicht zu versichern, dass diese Verse wirklich im Freien entstanden sind. Wer die Macht des Augenblicks, den Hauch der Fluren darin nicht empfindet, der versteht keine Dichtungen zu lesen. Er war 21 Jahre alt, als er nach Petersburg ging. Bald wurde er zu den Prüfungen behufs Aufnahme in die Akademie zugelassen. Da wurde er nicht nur über das in der Wilnaer Malerschule Erlernte befragt sondern auch die Gymnasialfächer kamen an die Reihe- Manne, der nie auch nur eine Volksschule besucht hatte, konnte sich hier so recht der Erfolge seines Selbstunterrichtes freuen, denn er bestand in all' diesen Gegenständen die Prüfung glänzend. Seine Fähigkeiten blieben denn auch in Petersburg nicht ohne Anerkennung. Er hatte von Heschel Lewin eine Empfehlung an den gelehrten Juchilson — es wurde ihm Gelegenheit geboten, die Synagoge des Waisenhauses zu besuchen, was ihm schätzbare Bekanntschaften und gute Aufnahme zum Sukkotfeste verschaffte. Die Veranstaltungen, die dort von hervorragenden Wohlthätern zum Besten der Waisenkinder vorgenommen wurden, wirkten belebend auf seine Dichterkraft. So ist uns sein Gedicht „Die Festeshütte" verblieben, worin er die Eindrücke des ersten Festabends inmitten feiernder Genossen darstellt, den Weg durch Israels Geschichte im Fluge macht und in seinem Vaterlande Russland sich dann aus dem Dichtertraum erwachend wiederfindet. Des Hüttenfestes erste Nacht Weckt mir im Herzen heil'gen Klang. Die Liebe zu den Menschen wacht In dieser Stadt voll Gottesdrang. Vereint nach nächtlichem Gehet, Besuchen wir das Festgezelt. Ein frischer Nachtwind uns umweht Und hauchet Segen durch die Welt. O Mond! Es blickt so mild dein Strahl Da wird es mir im Herzen licht; Die Vorzeit steht mit einem Mal Vor mir als göttliches Gesicht. Weit dehnt sich ödes Wüstenland, Unzäbl'ge Hütten standen da. Der Mond auch dort die Wege fand, Wo er die Stämme Jakobs sah. Zu Zions Gipfeln er mich trägt, Zum Erntefest wir wandern hin; Durch Salems Strassen sich bewegt Das Volk, zum Tempel steht sein Sinn. Nach Spanien führt mich schnell der Geist, Das Cedernthal in Heimlichkeit Bedrückte Glaubensbrüder weist; Auch dorten man die Hütte weiht. Da plötzlich weicht der Traum der Nacht — In meiner Heimat find' ich mich. Des Reiches Hütte mich bewacht. Der Strahl der Liebe nie erblich. Genügsames Dichtergemüt! Ein wahrhaft freudiger Eindruck weckt neue, noch nicht vernommene Töne in ihm, die Geschichte Israels, die ruhmvolle, leidgekrönte, lebt plötzlich in seinem Innern auf, er vergisst nicht des „Cedernthals" oder der „Maria Henriquez Morales" von Gane Aquilao — aber er, der Mann der Neuzeit, erwacht doch in seinem Vaterlande Russland, das damals die besseren Zeiten Alexanders 11. sah. Dies Lied, das am Schluss auch den Baron Günzburg ehrend erwähnt, musste ihm in Petersburg viele Freunde erwerben. Wandte sich ihm nun auch Günzburg freundlich zu, so muss doch vorzugsweise Aaron Kaufmann unter seinen Förderern erwähnt werden. Ein Gelehrter, Freund und Kenner der hebräischen Sprache, Gönner der Maler und ihrer Werke, im Besitze einer eigenen Bildergalerie, zog er mit besonderer Liebe unseren Manne in seine Nähe. Er wurde von der Akademie als befähigt und fleissig empfohlen, und die „Marbe-Hasskala-Gesellschaft" trug die Kosten des Unterrichts. Iii einem Jahre machte er die beiden ersten Lehrgänge durch, und im Mai des Jahres 1882 erhielt er aus der Hand des Grossfürsten Wladimir (es war dies der Bruder des Kaisers), das silberne Ehrenzeichen als Anerkennung für seine Leistungen. Sein Gesichtskreis erweiterte sich, alles menschliche Dulden und Kämpfen wurde der Gegenstand seiner Dichtung. Als sein Freund Zier Hochzeit feierte, regte ihn das zu einem grossen dichterischen Gemälde, „Hoffnung dem Wanderer", an. Ein echtes Hochzeitsgedicht, voll Waldesduft, wie der Sommernachtstraum (der ja auch eine Hochzeitsgabe war), sonst aber an die Dramen Mose Chaim Luzzatto's erinnernd;!j., i^T^eh doch äu&fei di es ©^gelegentlich der Hochzeiten seiner Freunde entstanden. Auch das Versmass, der fünffüssige reimlose Jambus, ist von Luzatto entlehnt. Selbst der Inhalt des Gedichfes trägt ganz den Stempel dieses Dichters. Man merkt, wie Manne sich dem Menschenleben im Grossen nähert, wie er in der Nähe des echten Schauspiels sich befindet, das ihm bei längerem Leben gewiss nicht versagt geblieben wäre. Der jähe Tod Alexanders IL griff besonders tief in sein Gemüt ein, als hätte er geahnt, dass nun eine andere Zeit beginnen würde. Da schrieb er das gewaltige Lied: „Die Sonne steigt, die Sonne sinkt*.

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