Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Mordachai Z'bi Manne
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 195 - 196 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
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196 MORDACHAI Z'bi MANNE,*) ein jüdisch-russischer Dichter und Dulder. Von Dr. Rosenthal (Stargard). Früh hat er sein Grab gefunden, eist 27 Jahre alt. In Rodzkowitz, einer kleinen Stadt des Wilnaer Gouvernements, ist seine Grabstätte. Dort ist er geboren, von dort hat er seinen vielversprechenden Weg in die Welt gemacht, dort ist er gestorben. Es war ein Meines Städtchen, so dass man kaum den Ausdruck anwenden Lkann, ,.er habe dort das Licht der Welt erblickt." Und als er mit Bewusstsein um sich blicken konnte, was bemerkte er da? Er sah seinen Vater einen Teil des Tages mit den kleinen Rangen der jüdischen Gemeinde sich abquälen und in seinen Mussestunden die Aufschriften auf Grabsteinen verfertigten. Er diente so den Lebenden wie den Toten — ob er selbst dadurch etwas zum Leben hatte? Seine Mutter stand an Wochenmärkten draussen und bot Ziegel und irdenes Geschirr feil. Die irdischen Erfolge, welche diese Dichtermutter damit erzielte, waren gewiss auch gering. Es war ein Haus der Armut, aber der Arbeit und Ehrenhaftigkeit, und unser Dichter sang später in besseren Zeiten: Durch Euch, Ihr Eltern, mir die Welt erstrahlt, Erfüllet mir der Lebenshauch die Seele;, Des Edens Flur vor meinem Blick sich malt, Dass Lust und Lebensfreude mir nicht fehle. Mordaehai Z'bi Manne. Und in einem Nachtliede: Um Mitternacht erscheint die Vaterstadt Vor meinem Geist, und in der Eltern Armen Befind' ich mich, des Mondes goldne Pracht, Das Sternenheer scheint liebend zu erwarmen. Such' ich mein Lager auf — als Engel steh'n, Als Gottesboten sie vor meinem Bette, Mein Geist ist wach — ich kann sie deutlich seh'n, Als ob ich himmlische Gesichte hätte. Welch glückliche Kindheit rnuss den kleinen Mordaehai Z'bi nicht umgeben haben, wenn sich vor ihm in weitester Ferne das Bild des Vaterhauses trotz der dort herrschenden Armut erhebt! *) Diese Arbeit beruht auf der Ausgabe von Manne's Schriften welche Leon Scheinhaus im Verlag des Tuschijavereins 1897 herausgegeben und mit einer Einleitung und mit der Lebensbeschreibung des Friihverstorbenen versehen hat. Er ist nicht nur als bedeutender Hebraüst und als feinsinniger Kenner des Neuhebräischen dazu berufen, sondern auch als langjähriger Freund Manne's, der mit dieser Ausgabe ein Opfer der Freundschaft gebracht hat. Seine Einleitung enthält auch eine tiefgehende Würdigung der dichterischen Eigenart Manne's. Im Jahre 1863 (er war 1859 geboren) erhoben sich wieder einmal die Polen und ein Jahr später brannte seine Vaterstadt nieder. Die Eltern flohen mit den Ihrigen nach dem Süden, in dessen Ackerkolonien sie einen Verwandten hatten. Aber nach einem Jahr konnten sie wiederum zurückkehren, bauten ihr Haus so gut auf, wie die Unterstützungssumme es gestattete, und das frühere Leben begann von neuem. Unter so drückenden Verhältnissen entwickelte sich der Körper des Kleinen nur langsam. Aus ihm konnte also nie die strotzende Kraft sich in Gesängen ergiessen, nur das sanfte Menschengefühl, weniger stürmende Freude, als Wehmut. Sein Vater war sein Lehrer. Bibel, Talmud und hebräische Sprache waren die Lehrgegenstände. Mit dem brennenden Ergeize des zukünftigen Jeschiwabachurs, der einst unter den Leuchten der Thora glänzen soll, bemüht sich der Knabe erfolgreich darum, bald ohne Lehrer arbeiten zu können. Auch seine Kinderspiele waren ernst. Er ahmte seinem Vater nach. Die verschiedenartigsten Alphabete malte erauf Karten, verzierte die Buchstaben mit Kronen und Blumen, kleine Bildchen wurden daraus, bald entstanden sogenannte Misrachtafeln — kleine Kunstwerke, ohne jede Absicht der Kindesneigung entsprungen, die ja der Urquell jeder Kunst ist. Im Alter von 13 Jahren sandte man ihn nach Minsk, die dortige Jeschiwa zu besuchen. Deren Leiter, Rabbi Gerson Tanchum, war wegen seiner Heftigkeit bekannt. Ihm entgingen zwar die Fähigkeiten Manne's nicht. Er bediente sich seiner Schreibkunst, indem der jugendliche Bachur um geringen Entgelt dessen talmudische Erörterungen durch die Schrift festhalten musste. Das gab manche bitteren Stunden. Die Armut Manne's Hess ihn unter den oft mit ihrem Reichtum prunkenden Genossen zu keiner einflussreichen Stellung unter ihnen gelangen, da aus seinem elterlichen Hause keine grossen "Wechsel ankamen und er mit dem bitteren Mangel zu kämpfen hatte. Er verliess dann auch Minsk wieder im Jahre 1876, um den Ort nicht wiederzusehen. Die Eltern wurden bedenklich. Ein schweres Handwerk durfte der schwächliche Manne nicht erlernen. Man gab ihn zu