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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 175 - 176

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Zwei Junghebräer
Date
1902-03-01
Page
Seite 175 - 176 (sequence 3)
Language
German
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175 Markus Ehrenpreis: Zwei Junghebräer. 176 Es ist ein Weltenkampf, der in seinem Innern tobt, und er hat ihn meisterhaft geschildert. Es ist ein Menschenschicksal, sein persönliches Schicksal, von dem er uns immer wieder erzählt, und er erzählt es wahr und echt, wie alles Erlebte. Gross und ergreifend ist die Geschichte von seinem ersten Erwachen, von der Kluft zwischen ihm und den seinigen, von seiner glücklich-unglücklichen Ehe („Meewer-Lanabar"). Es ist die Nachmantragödie, die wir soeben kennen gelernt, nur dass hier Menschenschicksale mit diesem Gedankenkampf verflochten sind und junges Leben dabei mitzittert. Es ist nicht nur der freie Gedanke, der seine Ketten zerreissen will, es ist ein ringender Mensch selbst, der Liebesglück und Liebesfrieden und alle Behaglichkeiten der geordneten Bürgerlichkeit von sich wirft, weil er es nicht länger aushalten kann, dass seine Seele zehnmal am Tage gemordet werde. „Was wollt Ihr von mir? Warum habt Ihr unseren Gedanken Fesseln angelegt? Warum befehdet Ihr unsere Ideen und Meinungen und Handlungen? Warum habt Ihr uns das Leben verboten und das Geniessen und die Lebenslust? Warum habt Ihr das Weib aus unserem Leben vertrieben? Nur Bücher habt Ihr geschrieben,- viele Bücher in den vielen Jahrhunderten. Aber ich glaube an Euch nicht und an Eure Bücher!" Und wie Nachman, so will auch er gerade am Kod-Nidre- Abend allem ein Ende machen. In dem Augenblick, da die zwei Aeltesten der Gemeinde, mit den Thorarollen in der Hand, den Beginn des Gebetes ankündigen, da packt ihn eine wilde Lust, seinen Gebetmantel von sich zu werfen und mit schallender Stimme in die Menge hineinzurufen: „Erwache, mein Yolk!" Aber er thut es nicht. Er zieht es vor, Weib und Familie für immer zu verlassen, um draussen von neuem anzufangen. In „Meewer Lenahar" hat Berdyczewski den Höhepunkt seines Könnens erreicht. Es ist das Abgeklärteste und Reifste, das er bis jetzt geschrieben. In ..Machnajina4', „Orba Porach" und in seinen kleinen Novellen erzählt er uns die Geschichte seiner Irrfahrten in der neuen Welt, in die er sich geflüchtet: seine wonnevollen Erlebnisse und erschütternden Enttäuschungen, den beseligenden Rausch des Erkennens und die jammervolle Gedrücktheit des Alltags, und vor allem: seinen Zusammenstoss mit dem Weibe, das wie eine Schicksalsmacht in sein Leben eingetreten, das ihn beglückt und gepeinigt, das ihn bald namenlos reich und wieder bettelarm gemacht hat. Berdyczewski ist der Entdecker des Weibes in der neuen hebräischen Litteratur. Er ist der erste, der das sexuelle Element und das Weib als bestimmende Lebensmacht in die Litteratur eingeführt und sie buchfähig gemacht hat: völlig frei von lebensfremder Prüderie und asketischem Augenverdrehen. Darin ist er menschlicher, ich möchte sagen irdischer als der völlig vergeistigte Feierberg, der sich im Grunde doch nur danach sehnt, Gedanken gegen Gedanken einzutauschen. Berdyczewski aber sehnt sich nach dem Leben selbst, er will sich vor keiner anderen Macht beugen als vor der ewigen Majestät des Lebens. In allem, was er schreibt, bebt es wie ein verhaltenes Schluchzen über die Jugend, die schwindet, und über die Lebensfreuden, die er nicht geniessen kann. Gierig möchte er nachholen, was er versäumt. Er möchte mit dreissig Jahren Kind werden, weil er es mit zehn Jahren nicht gewesen. Er steht nahe am reichgedeckten Tische des Lebens, aber er kann nicht milgeniessen. Seine durstigen Sinne sind mit dem Fluche seiner Herkunft behaftet. Es fehlt ihnen die Entschlossenheit der That. Er steht immer nur dicht „daneben". Es hilft nichts, dass er aus seiner kleinrussischen Judengasse fortgelaufen — sie läuft ihm nachr er trägt sie in sich, sie verfolgt ihn bis in die schweizerischen Berge und in das Gewühl der Weltstadt. Er ist selbst ein Stück von ihr, er ist mit ihr zusammengewachsen. Das ist der unvereinbare tragische Riss, an dem er leidet. „Es war mir schrecklich, alle die Tage allein sein zu müssen. Da sitze ich in meinem kleinen- Dachstübchen voll Liebesträumen und Liebessehnsucht,, und dort draussen sind holde Mädchengeschöpfe ohne Zahl, voll Reiz und Anmut. Warum kann mich eine von ihnen nicht lieben? Warum gehen sie achtlos an mir vorbei?" Und er träumt von einem neuen, freien Leben, fern von seinem Volke, fern von der Kultur,, von einem Leben zu zweien, er und sie, wie Adam und Eva vor dem Sündenfall. Ihm ist es, wie wenn er nie gelernt und nie gebetet hätte. Und der über allen thronende Gott offenbart sich ihm jetzt in greifbarer Unmittelbarkeit, in seinem eigenen Innern und in allem, was ihn umgiebt. Die Baumzweige verraten ihm das Geheimnis Gattes, und aus den Bächen und Wäldern erklingt ihm der Wiederhall der „Schechina" („Machnajim"). Das sind die wesentlichsten Elemente, aus denen sich Berdyczewski's Dichtung zusammensetzt. Es ist Ichdichtung, lauter Erlebtes. Berdyczewski's Gestalten sind plastisch und greifbar, wie aus Marmor herausgemeisselt. Er hat einen sicheren, eindringenden Blick, der ohne Umwege das Wesentliche erfasst. Und er ist ein Plastiker der Seele. Er besitzt im hohen Grade die seltene Kunst, unbewusste und halbbewusste Seelenvorgänge mit somnambuler Sicherheit zu empfinden und zu zeichnen. Seine künstlerische Domäne ist die Schwelle des Bewusstseins, die Dämmerungen der Seele» Aber seine Phantasie ist vorwiegend reproduzierend, fast nie schöpferisch. Darin liegt seine Schwäche. Er ist kein intuitiver Künstler, der fremde Schicksale wiedererleben kann. Er kann nur sich selbst dichten. Auch sein „Sefer Chassidim", diese herrliche poetische Verlebendigung der chassidistischen Gefühlswelt, ist aus seinem Innern herausgewachsen, aus den tiefsten Erlebnissen seiner Jugend. Wo er es aber mit anderem versucht, scheitert er kläglich. Seine Novellensammlung „Meiri Haktanah" („Aus meiner kleinen Stadt") enthält unbeholfene Kriteleien eines Dilettanten, die ein Schriftsteller, der sich achtet, gar nicht hätte wagen sollen, seinem Publikum vorzusetzen. Liier ist eben die Grenze seines Könnens. Die Gedankenelemente, die wir in den Novellen gefunden, hat Berdyczewski in einer Reihe publizistischer Aufsätze theoretisch begründet und ausgebaut, welche sehr viel Lärm verursacht haben und welche ich in einem besonderen Aufsatze eingehend analysieren will, Schon deshalb, weil ich zu diesem Ideenkomplex in einem gewissen persönlichen Verhältnisse stehe, das von vielen Seiten falsch gedeutet wurde. So viel inuss ich an dieser Stelle sagen, dass der von uns ursprünglich als gemeinsames Programm der Junghebräer proklamierte Ideenkomplex (der auch zur Gründung eines litterarischen Centrums ,.Techija" hätte führen sollen) sich in der Folge als ein gegenseitiges Missverständnis erwiesen hat. Unsere Wege gingen in dem Momente auseinander, da ich wahrnahm, dass Berdyczewski der Denker, der Programmmensch, noch nicht mit sich im reinen ist und vielleicht nie mit sich im reinen sein wird. Er ist als Denker unbeständig, launisch, reizbar, widefspruchslustig und vor allem: unfrei: Er ist nicht er selbst, er hat sich noch nicht zu sich selbst durchdrungen, ein Fremdes redet aus

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