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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 173 - 174

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Zwei Junghebräer
Date
1902-03-01
Page
Seite 173 - 174 (sequence 2)
Language
German
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173 Markus Ehrenpreis: Zwei Juiighebräer. 174 und ganz. ,ich will kein Grabhüter sein, kein Soldat dieser sonderbaren gesetzeshütenden Armee — leben will ich, leben wie alle Menschen, ich will nicht lebendig begraben sein, wie alle, die um mich herum." Und eines Morgens, da erwachte er ohne Gott. An diesem Tage hat er sein Gebet nicht verrichtet und die Gebetriemen nicht angelegt. Er fühlt, dass zwischen ihm und den Seinigen eine Kluft sich aufgethan, die unüberbrückbar ist. Und doch ist sein Platz drinnen, in ihrer Mitte, an ihrer Spitze. „Doch nein, er ist ein Verräter, er ist nicht fortgegangen, er ist davongelaufen.. Nein, er ist nicht frei geworden, er ist aus •dem Lager der Besiegten ins Lager des Siegers desertiert. Aber das ist nicht die wahre Freiheit! Jenes zusammengehaltene Jammerhaus, aus dem er geflohen — es ist sein Haus; die drin ihr unglückliches Dasein fristen — es sind seine Brüder; und dieses neue, reiche Haus, in das er eingebrochen — es ist ihm fremd. Nein, das kann nicht die Lösung der Frage sein!. . . . Ich will zurück zu meinem Volke, ich will sein Heerführer sein! Aber nicht, um die Trümmer zu bewachen, wie es mein Vater gewollt . . . Das Volk wird mit seiner grossen Kraft weitergehen und wird sich seinen eigenen Platz in der grossen Menschheitsfamilie wieder erobern." „L'oni; ist ein durchaus erlebtes Buch, es ist nichts von Litteratur darin. Es spricht aus ihm eine menschliche Tragödie, die in dieser Form und in diesen Zusammenhängen nur in der Judengasse möglich ist. Es ist die Tragödie des freien Gedankens, der sich in die unfreie Judengasse verirrt" hat, und bisweilen ist es der ringende Mensch engeist selbst, der die Ketten zerreissen will und sich dabei selber in Stücke reisst. Es ist die alte Tragödie des Gedankens, die immer neu bleibt, die Tragödie Acosta's und Acher's. Und Nachman ist die neujüdische Verkörperung jener unglücklichen Gottsucher, die ihren alten Gott verloren und im wonnigen Beben der Götterdämmerung die Offenbarung des neuen Gottes erwarten, dieweil ein gottloses Leben finster ist und leer und ärger als der Tod. Und wie aus „L'on", so spricht auch aus den -anderen wenigen kleinen Arbeiten, die uns Feierberg in den zwei Jahren seines litterarischen Schaffens geschenkt, stets dieselbe ganze, einheitliche, sich immer gleichbleibende Persönlichkeit, derselbe ringende, suchende Geist Feierberg's: ob er unser Mitleid für sein Lieblingskalb mit erquickender Frische wachruft („Haegel"), oder ob er mit dem Schatten des Beth- Haniidrasch in den Dämmerstunden, die seine Wonne sind, trauliche Zwiesprache hält („Zille Lail"). Was er geschrieben, ist nicht litterarisch gemacht, nicht diesem oder jenem abgeguckt — es sind Bekenntnisse einer grossen, wachsenden Seele, es ist er, Feierberg, selbst, Leben von seinem Leben und das rote, warme Blut, das durch seine Adern rinnt; es ist seine grosse schöne Seele selbst, die, entblösst von ihrer Hülle, nackt und rein vor uns dasteht. Und über allem, was er geschrieben, ist ein tiefer, echter Weltschmerz ausgegossen und etwas wie ein Hauch der Ewigkeit. Und aus seinen einfachen Sätzen -erwächst langsam eine grosse, traurige Schönheit, eine weiche, süsse Melancholie, die uns anmutet wie ein fernes Märchen und wie die Vorahnung jener grossen, reichen, ausgewachsenen Kunst, die uns Feierberg noch hätte schenken können . . . III. . Und von diesem frischen Grabhügel weg wendet sich unser Auge dem -überleben-den Zwillingsbruder zu, dem Zukunftsreichen, in dessen Seele auch ein gut Stück von der Seele Feierberg's fortlebt, dem vielgeliebten und vielgehassten Micha Josef Berdyczewski. Sein Erscheinen in unserer Litteratur war nicht ein plötzliches, meteorartiges Aufleuchten, wie wir es bei Feierberg gesehen: nur allmählich, durch kampfreiche innere und äussere Wandlungen hindurch, brach er sich seine Bahn, deren Ziel er noch nicht erreicht hat. Noch immer ringt er leidenschaftlich und heftig, einer gegen viele, mit der Kraft und Beharrlichkeit des Einsamen. Ich habe Berdyczewski vor mehr als acht Jahren in Berlin in einer Versammlung russisch-jüdischer Studenten zum ersten Male gesehen; er fiel mir sofort, mitten in dieser lebhaften Versammlung, durch sein beharrliches Schweigen und noch mehr durch seinen sonderbaren, unjüdischen Kopf auf. Er hatte einen trotzigen Gesichtsausdruck, dem das glattgescheitelte Kopfhaar und der starke blonde Schnurrbart ein durchaus arisches Gepräge verliehen. Ich war erstaunt, zu hören, dass dieser Arier der hebräische Publizist Berdyczewski sei, dessen Name mir seit Jahren bekannt war. Es war nichts Besonderes an seinen damaligen Leistungen. Er schrieb viel und schlecht und über alles. Er hatte sich durch eine kleine, in Gräber's Jahrbüchern veröffentlichte Streitschrift bemerkbar gemacht, an der nichts bemerkenswert war, als die unerhörte Kühnheit, mit der er, ein homo novus in jedem Belang, über Menschen und Dioge im Judentum den Stab brach. Er hatte damals schon eine erlebte Tragödie hinter sich, die einen weniger Widerstandsfähigen vielleicht für immer gebrochen hätte: Seine glückliche Ehe — so glücklich, wie es nur Kinderchen sein können — gewaltsam auseinandergerissen, alle Brücken zwischen ihm und den Seinigen für immer abgebrochen, seine sonderbaren Versuche in Breslau — er war nacheinander Buchbindergehilfe und Zögling der Kunstakademie — gänzlich gescheitert, so kam er nach Berlin, um hier alles von neuem anzufangen. Und hier in Berlin, war es, wo dieser kleinrussische Abkömmling eines alten Cbassidimgeschlechtes mit der europäischen Kultur zusammenstiess, Auge in Auge, gewissermassen Mann gegen Mann. Es gab einen kurzen, heftigen, wütenden Kampf, die mitgebrachte Eigenart rang verzweifelt gegen das überlegene Fremde — und zuletzt streckte er die Waffen. Als er von neuem die Feder in die Hand nahm, war er ein Besiegter. Die Uebermacht des europäischen Gedankens hat der Einheit seines Geisteslebens ein Ende gemacht. Er fand das Mittel nicht, wie das Mitgebrach'e mit dem Neuerworbenen zu einer schönen Einheit umzuschaffen. Und seither ist Berdyczewski ein Zerrissener. Damit sind wir mit einem Spiunge mitten im Centraipunkte seines Wesens und Schaffens. Alles, was er schafft und denkt und will, seine Wahrheiten und seine Irrtümer, sein Eigensinn und seine Widersprüche, seine Grösse und seine Kleinheit, sind nur Folgeerscheinungen dieses Kampfes und dieser Niederlage. Hier ist die Quelle seiner schmerzvollen, wehmütigen Stimmungen, die wie scharfer Waldduft unsere Sinne berauschen; aber auch seiner Absurditäten und Abgeschmacktheiten, über die wir uns ärgern, weil wir über sie nicht lachen können. Dieser Kampf und diese Niederlage! Noch zittert in jedem seiner Worte die Erregung des Kampfes, und noch erfüllt ihn der ohnmächtige Zorn des Besiegten. Und alles, was er schreibt, sind nur Variationen dieses Grundmotivs.

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