Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 3 (März 1902)
- Article
- Zwei Junghebräer
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 177 - 178 (sequence 4)
- Language
- German
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177 Markus Ehrenpreis: Zwei Junghebräer. 178 ihm. Er kopiert Nietzsche und Maeterlinck und Tolstoi — und es wäre für ihn doch so einfach, nur Berdyczewski zu Worte kommen zu lassen. Darum kann ich den Denker Berdyczewski noch nicht so blutig ernst nehmen. Er ist wie junger Wein, der noch nicht ausgegohren. Man soll ihn doch gähren lassen! Bis er vielleicht eines Tages sich frei macht von den fremden Redensarten, die ihn heute beherrschen und er uns in seiner eigenen Sprache sagen kann, was er will. Ich für meinen Teil kann ihn heute nur als Künstler gemessen. Ich finde, dass er mit seinem radikalen Kraftmeiertum wie mit Fangbällen spielt. Es bereitet ihm eine Teufelsfreude, die Vielzuvielen durch seine unmotivierten- Paradoxe zu ärgern. Das kann ich ihm nicht verzeihen. Er übertreibt wissentlich, er kokettiert mit Originalität, er ziert sich wie ein litterarischer Geck. Wenn ich ihn lese, ich oft das Gefühl, Menschen vor mir zu der sich mit Absicht Kravatte nach hinten bindet, um seine Mitmenschen zu reizen. Dazu aber sind wir und er zu gut. Ich habe ja nichts dagegen, dass er Götzen stürzt und Legenden zerstört — aber er soll es mit Ernst und Pietät thun und mit der tiefen Wemut, die uns alle erfüllen muss, wenn wir Altgeheiligtes zusammenstürzen sehen. habe einen sehen, seine IV M. Z. Feierberg Berdyczewski und Feierberg gehören zusammen, weil ihre Tragik und ihr Zorn, ihr Schmerz und ihre Melancholie aus demselben Boden herauswachsen. Wir haben sie — wenn auch nur flüchtig — in ihren Werkstätten aufgesucht, haben sie bei der Arbeit gesehen und ihre Triebkräfte und Liebe erkannt. Und wir konnten auch die Elemente wahrnehmen, durch die sie sich von einander unterscheiden. Feierberg's Seele ist einheitlicher, ausgeglichener, sein Ziel bestimmter; Berdyczewski ist zerrissen, kompliziert, mit einer vagen, undefinierbaren Sehnsucht. Aus Feierberg spricht Wohlwollen, aus Berdyczewski Zorn. Feierberg leidet am Judentum, und mit zärtlicher Hand will er es in hellere, freiere, glücklichere Bahnen hinausführen; Berdyczewski wirft seinem Volke den Fehdehandschuh hin, voll Gram und Unwillen. Feierberg sagt zu seinem Volke: Kommt, Brüder, wir wollen hinaus, so kann es nicht weiter gehen. Berdyczewski aber sagt zu ihm: Hier bin ich, einer gegen alle, und erkläre Euch den Krieg. Und noch eines, das ich sehr hoch anschlage: Feierberg ist, was er ist, aus sich selbst heraus; aus der Urtiefe seines Wesens heraus quellen seine Klagen und seine Fragen, seine Bejahungen und seine Verneinungen. Berdyczewski hat zu viel gelesen; die fremden Einflüsse haben seiner Eigenentwickelung merklichen Schaden zugefügt. Diesen Gegenseiten ihrer Natur gab Feierberg in einem scharfen Manifeste öffentlichen Ausdruck, das er einige Wochen vor seinem Tode, mit der Gebärde eines Heerführers, die er sich stets gewünscht, in die Welt schleuderte. Feierberg erklärt hier im Namen der ostjüdischen Jugend Berdyczewski und seinen Tendenzen den Krieg bis aufs Messer. Er stellt sich an die Spitze einer kämpfenden Schar, um der von Berdyczewski und mir in jenen Tagen angekündigten litterarischen „Revolution" den Garaus zu machen. Er und die Seinigen wollen das Ziel durch natürliche Weiterentwickelung erreichen. Also: Jugend gegen Jugend, Evolution gegen Revolution! Aber der diese Kriegserklärung geschrieben, war ein sterbender Mann, und der angekündigte Waffengang hat nicht stattgefunden. Dieser Waffengang aber kann nicht ausbleiben. Er wird und muss kommen. Und es wird ein spannender, schöpferischer Kampf sein, dieser Kampf zweier Jugenden, die beide mit dem Gestern gebrochen und beide, auf vorgeschriebenen Wegen, mit geschwellter Brust dem neuen Morgen entgegengehen.