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Ost und West · 1902-03-01 · Heft 3 (März 1902) · p. Seite 171 - 172

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 3 (März 1902)
Article
Zwei Junghebräer
Date
1902-03-01
Page
Seite 171 - 172 (sequence 1)
Language
German
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ni m ZWEI JUNGHEBRAEER FEIERBERG UND BERDYCZEWSKI. VON DK- MARKUS EHRENPREIS.*) I. Sie gehören beide zusammen, wie zwei Zwillingsbrüder. Sie haben beide dieselbe Unbeholfenheit in ihren Gebärden, denselben abgehärmten, leidenden Ausdruck in ihren Gesichtern, dieselbe traumverlorene, suchende Sehnsucht in ihren Augen. Sie sind beide heimatlos, die jäh und heftig aufgescheucht wurden aus den süssen Träumen ihrer Kindheit und frierend und zähneklappernd die neue Heimat mit der dürstenden Seele suchen. Sie sind beide junge Greise, früh gebeugt vom tiefen Gram, früh vergiftet von namenlosem Ekel. Ihre Bücher sind voll von ungeweinten Thränen und von Seufzern, die ungehört verhallten. Beide suchten gierig den neuen Weg und das neue Ziel. Und als sie im Begriffe waren, einander näherzukommen, da trieb sie der Tod auseinander." Ich habe vor Jahren an dieser Stelle**) definiert, was ich unter der Bezeichnung „Junghebräer" verstehe. Feierberg und Berdyczewski vereinigen in sich alle Merkmale des Junghebräertums. Sie sind beide Um werter, rücksichtslose Zertrümmerer geheiligter Kultur werte und Sucher neuer Werte, neuer Wege, neuer Lebensinhalte für ihr Volk. Sie sind beide Beginnende, sie haben keine Vorläufer, sie sind keine Enkel. Sie sind neu in Form und Inhalt, sie setzen nicht fort, sondern sie fangen an. In Feierberg und Berdyczewski — und vorläufig nur in ihnen, wenn man von den noch nicht ganz geklärten poetischen Versuchen Bialik's und Tschernichowskfs absieht — hat unsere Epoche, oder richtiger: der Ueberoangscharakter unserer Epoche, seinen litterarischen Ausdruck gefunden. Das plötzliche Erwachen, der völlige Bruch mit morsch gewordenen Idealen, das leidenschaftliche Suchen nach neuen Wegen und neuen Zielen, der erschütternde Zusammenstoss zwischen dem unverwüstbarea semitischen Geiste und der europäischen Kultur und zuletzt: der Heisshunger nach der neuen Welt der Schönheit — alles das lebt in Feierberg und Berdyczewski, alldem haben sie mit jugendlicher Heftigkeit in ihren Büchern Ausdruck geliehen. Sie sind beide repräsentative Schriftsteller: Aus ihnen spricht ein ganzes Zeitalter, ein Geschlecht neuer Juden, die sich erhoben haben und ausgezogen sind, neue Welten zu erobern, mit der heiligen Sehnsucht in den Herzen und der jungen, leidenschaftlichen Lebensfreude in den flammenden Augen. Mit ihnen sind die neuen Juden in die Litteratur eingezogen. II. rM ordechai Z'bi Feierb er g hat eigentlich gar nicht recht unter uns gelebt. Er ist nur so vorbeigehuscht, wie ein Wandervogel aus fernen, fernen Weltgegenden, und im Vorbeihuschen ruhte er eine kurze Weile auf dem Aste eines Baumes aus, sang uns ein herrliches, fremdes, fernes Lied — und flog weiter seines Weges. Das war sein Leben, das sein Dichten. Als er aufgegangen war, da ging er auch schon unter. An dem Tage, da wir die einzige Schönheit dieses Geistes gemessen durften, da mussten wir ihn auch schon zu Grabe trägen — ihn, der unend- *) „Die Welt". Dezember 1901. **) „Die Welt", Jahig. 1, No. 7. liehe Reichtümer in seiner Seele trug und der uns so viel zu schenken hatte. Fünfundzwanzig Jahre war er alt, als er für immer die Augen schloss, die nie die Sonne gesehen hatten. „Von seiner fanatischen Familie verkannt, ja sogar gepeinigt, von seiner kleinstädtischen Umgebung blutig verfolgt, von der Enge seines Milieus tief angeekelt,, von einer todbringenden Krankheit verzehrt, nur von seinen wenigen Freunden ermutigt und verehrt — so starb sein Körper langsam dahin, während sein Geist immer mehr wuchs und sich weitete, bis er in seinem ,.L*on" („Wohin?), diesem mit Herzblut geschriebenen Vermächtnisse eines Sehers, eine Höhe erreichte, vor der wir ehrfurchtsvoll das Haupt beugen. Da steht er leibhaftig vor uns, der junge, suchende Jude unserer Tage, mit dem ewigen, grausamen „Wohin?" auf den Lippen. Nachman — die Hauptfigur der Erzählung — ist der freigewordene Bet- Hamidrasch-Jünger, der endlich die ewigen Fesseln satt bekommt, der es nicht länger aushalten kann in seiner engen, verblendeten Umgebung, der nicht länger seinen Rücken beugen kann unter dem Joche der Tradition. Und mit einem Schlage macht er allem ein Ende — mit einer That. Am Kol-Nidre-Abend, da die alten Juden ihre alten .Gebete verrichten, geht er hin zum, Almemor und bläst das Wachslicht aus. das den Raum erhellt. So vollzieht er den völligen Bruch: Weg mit diesem fahlen, flimmernden Lichte der elenden Wachskerze, er will ein anderes, ein grosses, ein junges Licht für sein Volk. Nachman ist nicht der erste Bet-Hsmidrasch- Jünger, der in die Freiheit hinaus will. Wir kennen diesen Freiheitshunger aus Lilienblum's „Chatot N'urim" („Jugendsünden"), aus Juda Leib Gordon's Dichtungen, aus Braudes1 „Hadat w-Hachaim" („Das Gesetz und das Leben"). Aber Nachman ist anders, radikaler, rücksichtsloser, ist über jene ersten Freiheitsschwärmer weit hinausgewachsen. Braudes' Schmuel disputiert mit den Rabbinern wegen kleinlicher religionsgesetzlicher Reformen. Er ist der „Maskil", der, auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehend, es modernisieren, „zustutzen" will. Nachman stellt sich von vornherein ausserhalb des Religionsgesetzes. Er ist unglücklich, „einem Volke anzugehören, das nichts in der Welt hat, ausser dem ReLigionsgesetze", er, der „danach lechze, ein freier Mann zu sein, der andere Lebensziele hat, als für oder gegen das Religionsgesetz zu kämpfen". Für den Bet-Hamidrasch-Liberalismus, welcher glaubte, das Judentum durch die „Erlaubnis für den Gebrauch von Erbsen am Osterfeiertage, oder mit der Bekämpfung des „Teufels- und Engels-Aberglaubens" retten zu können, hat Nachman nur ein mitleidiges Lächeln. Sein Ziel ist unendlich höher. Nicht an die Auswüchse legt er Hand an, sondern an die Grundlagen: Der Neubau, des Judentums muss an den Fundamenten beginnen. Sein Hass gilt dem Buche — nicht irgend einem bestimmten Buche, aber dem Buche an sich! — das unser Leben gemordet und uns zu Sklaven des Wortes gemacht, sein Hass gilt dem altjüdischen Lehrhaus, dem Bet-Hamidrasch, das ihm als Gefängnis des jüdischen Volkes erscheint. Er kann sich nicht damit begnügen, Erbsen am Osterfeiertage essen zu dürfen, er will leben, frei und froh und voll

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