Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Der neue Messias
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 5)
- Language
- German
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125 Der neue Messias. 126 Falschen ein williges Ohr; denn sie verstand Sabatai Zewi nicht, verstand nicht seine Pläne und Entschlüsse und blickte mit immer wachsender Scheu auf den Mann, an dessen Seite sie ging. Und ein bitteres Gefühl — sie wusste nicht, wie es entstanden — erfüllte sie, wenn sie sah, mit welcher flammenden Liebe Sabatai an seinem Volke hing, mit welcher Begeisterung er an Israel dachte. Eiferte Esther mit Israel? Ja — sie hätte Sabatai in einer Höhle der Wüste geliebt, allein mit ihm, sein Herz ungeteilt erfüllt mit ihrer Glut. Warum sprach er zu ihr von seinem Heere — wenn sein Mund so heiss und rot war? Warum redete er vor der Synagoge zum Volke, wenn sie daheim in der Kammer seiner harrte? Fühlte er nicht, welch* süsser Duft ihrem Goldhaar entströmte, wusste er nicht, wie weich ihre weissen Arme waren? Hatte er die stammelnden Laute ihrer Liebe vergessen, die heissen Küsse in jener Nacht im Palmenhain unter den Pyramiden? Und da kam Simeon ben Eskafa und sagte ihr: ja, ihr Gatte habe ihrer und ihrer Küsse vergessen über Israel und seiner Sendung. Simeon höhnte sie und sprach: „Was bist du ihm? — Wäre er der Messias, wenn er fühlen müsste wie du, wenn er seinen Sinnen-gehorchen würde wie du? Er ist gross und mächtig und der Herr hat ihn erhöht. Du bist ein Krümlein Erde, über das er hinwegtritt. Ein Werkzeug des Allmächtigen warst du — deswegen hat er dich geliebt — nicht wegen deiner blonden Ilaare und deiner süssen Augen." Esther schluchzte auf und barg ihr Gesicht. Simeon lachte und fuhr fort: „Und du warst thöricht o-enuo\ zu glauben, der Messias könne ein AVeib o o o 7 lieben, weil sie ein schönes, begehrenswertes Weib — wie ich dich lieben würde, wenn du mein wärst!" — Zornig wies Esther ihn von ihrer Schwelle. Er ging. Aber er kam wieder. Er traf sie immer allein in ihrem Harmed denn Sabatai Zewi stand draussen unter seinem Volke. Da ereignete es sich, dass dem Sultan, unter dessen Herrschaft die Stadt Smyrna stand, gemeldet wurde, wie die Mauern . der Judenstadt ein streitbares Heer beherbergten und wie dessen Führer Sabatai Zewi Umsturz und Empörungplane. Als Sabatai Zewi erfuhr, class die Türken von seinen Absichten benachrichtigt seien, zog er mit seinem Heere vor die Stadt und schlug dort ein Lager auf. Bald sollte nun der Tag der Befreiung kommen. Ueberallhin hatte er Boten gesendet. Im geheimen rüsteten sich überall die Waffenfähigen, und es wurden Anführer und Befehlshaber über die Provinzen gesetzt. Und nicht nur unter dem Volke der Juden keimte die Saat, die er gestreut. Die Herrlichkeit des messianischen Reiches, wie es von den kabbalistischen Weisen gepriesen wurde, hatte vielfach unter den Christen Gläubige gefunden. Auch diese sahen nun in Sabatai Zewi den verheissenen Messias. Das messianische Reich sollte ein Reich der Freiheit und der Gleichheit sein. Nie hat es an Tausenden gefehlt, die bereit gewesen wären, für dieses Reich ihr Blut zu opfern. Und zur selben Stunde, wo der Messias mit dem Kriegshorn das Zeichen zum Sturm gegen Smyrna geben würde, sollten überall die Geknechteten und Bedrückten das Schwert erheben. Und sie wussten, dass der Herr ihr Schwert gesegnet hatte. So schritt Sabatai am Abend vor diesem Tage durch die Zeltreihen seines Lagers mit stolzem Haupte. Smyrna musste fallen — es war schwach verteidigt und mutlos — und dann wollte er, ein König, zu Königen sprechen mit dem Schwert in der Faust, mit dem Horn an seiner Seite, mit dem Schilde des Himmels über ihm. Und im Glänze der Sonne würde die Burg Zion wieder erstehen und die Gnade des Herrn leuchten über Israel. — Sabatai Zewi schlug den Vorhang seines Zeltes zurück. Im Dämmern sali er Esthers goldenes Haar und er sah — — Er wollte aufschreien, aber ein Röcheln kam aus seiner Brust. Und wie ein Panther auf seine Beute springt, so stürzte er auf Simeon, der am Boden vor Esther kniete. Er warf ihn nieder, er grub die Zähne in seinen Hals .... * * * In der Sternenlosen Nacht irrte Sabatai Zewi am Ufer des Meeres umher. „Herr, du hast mich verlassen, das Pfand deiner Liebe liegt zerschmettert, das Pfaud meiner Treue liegt im Kote! Herr, Herr, ich rechte mit dir, denn nicht mich, dein Volk hast du in die Wüste gelührt und lässt es verschmachten! Bin ich dein Erleuchteter? Ich sehe nichts mehr als meine Schmach. Bin ich dein Gesandter? Ich denke nicht mehr an das Weh deines Volkes, ich denke an das Weh meines Herzens. Bin ich der