Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1902)
- Article
- Ein offener Brief
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 111 - 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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111 Ein offener Brief von E. M. Lilien. 112 Zwei Zeichnungen v Sie sich sagen, dass gerade diejenigen Juden, die sich an der Börse zum Luxus der Kunstmäcene emporgeschwungen haben, mit einer Sorgfalt, die sie bei den heikelsten Geschäften nicht anzuwenden pflegen, darauf bedacht sind, dass ja kein Bild eines jüdischen Künstlers an die Prosa ihrer Abstammung und ihres Geschäftsverkehres erinnere. Wohl, diese Juden sind modern: Sie überfluten die Ueberbrettel, sie überschwemmen die Cabarets, sie überfüttern Paradechristen, sie überfüllen ihre Bibliothek mit Ueberbüchern-,---- aber sie unterstützen nicht jüdische Kunst. Freilich, es giebt einige wenige umso rühmlichere Ausnahmen, aber es ist ganz unmöglich, dass diese Wenigen alles auf sich nehmen, So lange bei der grossen Mehrheit der jüdischen Reichen das Prinzip jener vermeintlichen Vorurteilslosigkeit besteht, die dahin geht, dass sie als Juden ausschliesslich nicht-jüdische Kunst und Wissenschaft fördern — und das allein macht sie zu öffentlich bekannten Mäcenen — so lange werden die jüdischen Künstler aus eigener Kraft ringen müssen. Wenige werden unter höchster Anspannung ihres Talentes und ihres Fleisses, den sie als Juden zu vervielfachen gezwungen sind, die Aufmerksamkeit und Förderung nicht jüdischer Kreise erzwingen und sich so durchsetzen. Viele, die Unbekannten, Namenlosen, minder Widerstandsfähigen sterben am Wege." — — — on Regina Mundlak. Manchen hochbegabten Menschen habe ich selbst so am Wege sterben sehen. Wie viel jüdische Tragik lag darin, welcher Idealismus, welche Kraft, welche Hoffnungen wurden da begraben! Wird der zu neuem Leben erwachte jüdische Geist endlich auch darin segensreichen Wandel schaffen? Ich erwarte es, ich hoffe es fest, und diese Ueberzeugung bestimmt mich, heute die Aufmerksamkeit Ihrer Leser auf ein jüdisches Talent zu lenken. Ich hatte vor einiger Zeit Gelegenheit, in meinem Atelier Arbeiten eines jungen, jüdischen Mädchens zu sehen, welche mich geradezu frappierten. Es lag in ihnen so viel Ursprünglichkeit, so viel von Schlichtheit und doch intimster Beobachtung, wie sie bei den jungen Künstlern unserer Tage nur selten anzutreffen ist. Was aber ganz besonderen Eindruck auf mich ausübte, war die Wahrnehmung, dass sich in allen ihren Arbeiten eine ganz ungewöhnliche Liebe zur Natur, nicht nur in ihren schönen, sondern auch in ihren hässlichen Erscheinungsformen, kundgab. Gerade das war mir bei einer so jugendlichen Künstlerin der sicherste Beweis, dass sie von jedem Dilettantismus weit entfernt sei, ganz abgesehen davon, dass keine Spur von einer Aengstlichkeit oder Unsicherheit zu bemerken war. Die junge Künstlerin